Kapitel 15 | Der Weg nach Osten – Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Kapitel 15 | Der Weg nach Osten - Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Die deutsche Wehrmacht steht im Oktober 1942 am Don, einem der großen Ströme des russischen Südens, und sichert eine Flanke, die nach Einschätzung erfahrener Frontoffiziere viel zu lang und zu dünn besetzt ist. Ein Tagebuch, das nun vorliegt, gewährt einen erschütternden Einblick in die Gedankenwelt eines einfachen Soldaten, der die trügerische Ruhe vor dem Sturm erlebt und die dunkle Vorahnung des Untergangs in sich trägt.

Das Tagebuch des Martin Adler, eines fränkischen Soldaten, der mit seiner Einheit im Spätsommer 1942 den Don erreichte, schildert die Ankunft an diesem gewaltigen Gewässer mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Melancholie. Der Don, von dem die Lieder der Kosaken singen, war kein Fluss, wie Adler ihn aus seiner Heimat kannte, sondern ein breites, träges Gewässer, das in weiten Schleifen durch die endlose Steppe zog. An manchen Stellen war der Fluss so breit, dass das andere Ufer im Dunst zu verschwimmen schien, und über den Wassern lag ein silbriges Glitzern, das die Augen blendete.

Die deutschen Truppen bezogen Stellung am westlichen Ufer dieses Stromes, der zu einer Frontlinie geworden war, einem natürlichen Hindernis, das es zu verteidigen galt. Jenseits des Flusses lag der Feind, und die Aufgabe der Soldaten war es, das Ufer zu halten, die Übergänge zu sichern und einen Brückenkopf zu schützen, den die eigenen Truppen auf dem anderen Ufer gebildet hatten. Von dort aus sollte der weitere Vorstoß nach Osten auf Stalingrad erfolgen, jene Stadt, deren Name wie ein böses Omen über der gesamten Operation lag.

Die Tage am Don waren von einer trügerischen Ruhe erfüllt, ähnlich der Ruhe, die Adler bereits an einem anderen Fluss im Frühsommer erlebt hatte. Es war die Ruhe des Stellungskrieges, die unter der Oberfläche stets den Tod barg. Die Soldaten gruben sich ein am Ufer und richteten sich ein für eine Zeit des Wartens und der Verteidigung. Der Don in jenen Spätsommertagen besaß eine schwermütige, melancholische Schönheit, die Adler tief berührte. Die weite Steppe ringsum, in der das Gras schon gelb und dürr geworden war, der mächtige, träge Strom und der hohe, weite Himmel, über den am Abend die Sonne in einem Meer von Gold und Purpur versank, all das hatte etwas Großartiges, Erhabenes.

Adler saß zuweilen am Ufer im Schutz der Stellung und blickte über das Wasser und in die Ferne. Für Augenblicke vergaß er den Krieg und versank in der Betrachtung dieser fremden, schwermütigen Schönheit, die so anders war als die liebliche Schönheit seiner fränkischen Heimat. Es war eine Schönheit der Weite, der Einsamkeit, der ungeheuren Räume. Und er begriff ein wenig von dem Geist dieses Landes, von seiner Seele, die in dieser Weite wohnte. Er verstand, warum die Menschen dieses Landes so an ihm hingen, so für es kämpften und starben, denn wer einmal die Seele dieser Weite gespürt hat, den lässt sie nicht mehr los.

In den Abendstunden, wenn die Hitze des Tages nachließ und ein kühler Wind über die Steppe strich, stiegen die Wasservögel auf vom Fluss in großen Schwärmen und zogen ihre Bahnen über den abendlichen Himmel. Ihre Rufe hallten über das Wasser, einsame, klagende Laute, die Adler ans Herz griffen. Er dachte an die Heimat, an die Vögel über der Pegnitz, und das Heimweh überkam ihn mit aller Macht. Doch die Schönheit des Don konnte nicht über die Gefahr hinwegtäuschen, die in der Luft lag, denn alle spürten, dass dies nur eine Atempause war, ein Innehalten vor dem großen Sturm.

Feldwebel Weiß, ein erfahrener Soldat mit dem geübten Blick des alten Kämpfers, beurteilte die Lage mit wachsender Sorge. Als er gemeinsam mit Adler am Ufer Wache hielt und über das dunkle Wasser blickte, sprach er offen aus, was viele dachten. Ihm gefalle dieser Vorstoß nicht, sagte Weiß. Die Front habe sich zu weit gedehnt, die Flanken seien zu lang, zu dünn besetzt. Das Deutsche Heer habe sich zu tief vorgewagt in diese unermessliche Weite, und er fürchte, der Feind könne diese überdehnten Flanken eines Tages durchstoßen und die eigenen Truppen abschneiden, einkesseln, wie man es selbst so oft getan hatte.

Adler hörte diese Worte mit Beklemmung, denn er wusste, dass Weiß nicht zur Schwarzseherei neigte. Wenn ein Mann wie Weiß solche Sorgen aussprach, dann musste die Lage in Wahrheit bedrohlich sein. Adler blickte über den dunklen, träge fließenden Don und fragte sich, was sie jenseits dieses Flusses erwartete, in der Stadt am anderen großen Strom, deren Name sie wie ein böses Omen verfolgte. Die Vorahnung einer Katastrophe legte sich wie ein Schatten über die Einheit.

Es kam der Tag, an dem sie den Don überqueren mussten. Der Befehl lautete, das östliche Ufer zu erreichen und von dort weiter vorzustoßen, dem fernen Stalingrad entgegen. Der Übergang über diesen breiten, mächtigen Strom war ein gefährliches Unternehmen, denn der Feind beherrschte das andere Ufer mit seinem Feuer. Ein Fluss, der unter feindlichem Beschuss überquert werden muss, ist eine tödliche Falle, in der ein Heer sich verbluten kann. Die Pioniere hatten in den Nächten zuvor unter größter Mühe und ständigem Beschuss eine Behelfsbrücke geschlagen, eine schwankende Konstruktion aus Pontons und Bohlen.

Adler erinnert sich an die Furcht, mit der er diesem Übergang entgegensah. Die Brücke war ein offenes, ungeschütztes Ziel, und der Feind hatte sie eingeschossen. Jeder, der sie überquerte, tat es im Angesicht des Todes. Sie traten an in der Morgendämmerung, im fahlen ersten Licht, das den Nebel über dem Fluss durchdrang. Der Übergang begann, und Adler stand in der wartenden Kolonne und sah, wie die ersten Männer auf die schwankende Brücke traten und hinübereilten, gebückt, hastend, dem rettenden anderen Ufer entgegen.

Dann setzte das feindliche Feuer ein. Granaten schlugen ins Wasser und warfen gewaltige Fontänen auf. Hier und da wurde ein Mann getroffen und stürzte in die Tiefe, und das Wasser des Don färbte sich rot. Als die Reihe an Adlers Zug kam, rannten sie über die Brücke, einer hinter dem anderen, gebückt, so schnell sie konnten. Unter ihnen schwankte das Pontonfloß, und das dunkle Wasser strömte vorbei. Über ihnen pfiffen und heulten die Geschosse, und um sie schlugen die Einschläge ins Wasser. Es war ein Lauf um das nackte Leben, ein verzweifeltes Hasten über die tödliche Spanne.

Adler rannte und betete und hielt den Blick auf das andere Ufer geheftet, das so nah und doch so unendlich fern schien. Neben ihm rannte Otto, vor ihm Fritz und hinter ihm die anderen. Er hörte das Klatschen der Einschläge und das Schreien der Getroffenen. Er rannte weiter, bis er endlich atemlos das andere Ufer erreichte und sich in den Schutz einer Bodenwelle warf. Er zählte die Gesichter, die mit ihm herübergekommen waren. Otto, Gott sei Dank. Fritz, Gott sei Dank. Doch andere fehlten. Andere waren auf der Brücke geblieben, ins Wasser gestürzt, fortgerissen vom Strom.

Der junge Fritz hatte den Übergang überstanden, doch er war erschüttert. Ein Mann, der dicht neben ihm gelaufen war, war getroffen worden und vor seinen Augen in die Tiefe gestürzt. Fritz hatte mit ansehen müssen, wie er von den Fluten verschlungen wurde, ohne dass ihm zu helfen war. Dieser Anblick hatte ihn aufs Neue verstört. Adler sah, wie er zitterte, als sie in der Deckung lagen. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach ihm zu, beruhigte ihn so gut er konnte und sagte ihm, dass er es überstanden habe, dass er lebe, dass es nun vorbei sei.

Fritz nickte und versuchte sich zu fassen. Doch Adler sah, wie schwer ihm der Krieg zusetzte, wie er an diesem Jungen zehrte, der so jung war, zu jung für all dies. Er fürchtete, dass Fritz zerbrechen würde, dass seine Seele nicht ertragen würde, was sein Leib ertrug. Adler nahm sich vor, noch wachsamer über ihn zu sein, ihn noch mehr zu beschützen, soweit es in seiner Macht stand. Doch er wusste, dass seine Macht gering war, dass er ihn nicht bewahren konnte vor dem, was kam, vor Stalingrad, das nun nahe rückte.

Nachdem sie den Don überschritten hatten, stießen sie zunächst weiter nach Osten vor. Doch bald wandelte sich der Charakter des Krieges für ihren Abschnitt. Während die Hauptkräfte weiter auf Stalingrad zustießen, wurde ihre Division abgestellt, die lange Flanke am Don zu sichern, jene überdehnte Flanke, von der Feldwebel Weiß mit solcher Sorge gesprochen hatte. Sie kehrten zurück an den Strom und bezogen Verteidigungsstellungen. Es galt nun nicht mehr vorzustoßen, sondern zu halten, die Flanke der großen Offensive zu decken gegen mögliche feindliche Vorstöße.

Diese Aufgabe erfüllte die Männer mit einer dumpfen Unruhe. Das Halten einer langen, dünn besetzten Linie ist eine undankbare, gefährliche Sache, bei der man stets der Übermacht ausgesetzt ist, falls der Feind angreift. Sie gruben sich ein in der weiten Steppe am Don, bauten ihre Stellungen aus, so gut es ging, in dem harten, ausgedörrten Boden. Sie verteilten sich über eine Linie, die viel zu lang war für ihre geringe Zahl, sodass zwischen den einzelnen Stützpunkten weite, kaum gesicherte Lücken klafften.

Adler begriff, was Weiß gemeint hatte, als er von den überdehnten Flanken sprach. Sie waren zu wenige, um diese unermessliche Front wirklich zu halten. Wenn der Feind mit Macht angriffe, würden sie ihn nicht aufhalten können. In den Wochen der Verteidigung am Don lebten sie in einer ständigen Anspannung, einer lauernden Wachsamkeit. Sie wussten, dass der Feind jenseits des Flusses Kräfte sammelte, dass er sich vorbereitete. Gerüchte gingen um, dass große feindliche Verbände sich gegenüber ihrer Flanke versammelten.

Diese Gerüchte, ob wahr oder nicht, nährten ihre Furcht. Sie spähten Tag und Nacht hinüber zum feindlichen Ufer, suchten nach Anzeichen eines bevorstehenden Angriffs. Die Ungewissheit, das Warten, das Nichtwissen, wann der Schlag fallen würde, zehrte an ihren Nerven mehr als der Kampf selbst. Es war eine sonderbare Zeit, denn äußerlich herrschte Ruhe, eine trügerische, gespannte Ruhe, in der nur das gelegentliche Störfeuer, der nächtliche Spähtrupp, der einzelne Scharfschütze den Tod brachten.

Doch über allem lag die Drohung des großen Sturmes, der sich zusammenbraute, unsichtbar noch jenseits des Flusses. Adler fühlte sich wie ein Mensch, der in der Stille vor dem Gewitter ausharrt, der die Schwüle spürt, das ferne Grollen hört und weiß, dass der Sturm kommen wird, und der doch nicht weiß, wann er losbrechen und welche Verwüstung er anrichten wird. Feldwebel Weiß wurde in jenen Wochen immer stiller und ernster, und Adler sah ihm an, dass ihn die Lage mit tiefer Sorge erfüllte.

In einer stillen Nachtstunde, als sie gemeinsam Wache hielten, sprach Weiß offener zu Adler als je zuvor. Er sagte ihm, dass er fürchte, der Feldzug sei verloren. Das Deutsche Heer habe sich übernommen, habe sich verzettelt in der Weite Russlands. Die Kräfte reichten nicht für die ungeheuren Räume, die man erobern wolle. Er sehe das Ende kommen, vielleicht nicht in diesem Jahr, vielleicht nicht im nächsten, doch unausweichlich. Er hoffe nur, so viele von uns wie möglich lebend durch das Kommende zu bringen.

Diese Worte aus dem Munde eines Mannes wie Weiß, der nie geklagt, nie gezweifelt hatte vor ihnen, erschütterten Adler tief. Sie bestätigten, was auch in ihm längst gewachsen war, die dunkle Gewissheit, dass sie einem Abgrund entgegengingen, dass all das Leiden, all das Sterben umsonst gewesen war und umsonst sein würde, dass kein Sieg sie erwartete am Ende dieses Weges, sondern nur die Niederlage, der Untergang. Adler blickte über den dunklen Don, über das schwarze, glänzende Wasser, das so ruhig dahin strömte, gleichgültig gegen all ihr Sorgen und Bangen.

Das Herz war ihm schwer von Vorahnung, und er wusste, dass die Zeit der trügerischen Ruhe sich ihrem Ende näherte und dass das, was kommen würde, furchtbarer sein würde als alles, was hinter ihnen lag. Es war in einer jener Nächte der Verteidigung am Don in den ersten kühlen Nächten des Herbstes, als die Steppe schon den nahenden Winter ahnen ließ, dass Adler gemeinsam mit Otto und dem jungen Fritz auf vorgeschobenem Posten lag, einem einsamen Stützpunkt weit vor der Hauptlinie.

Diese Nacht ist Adler im Gedächtnis geblieben als eine der seltsamsten, eindringlichsten Nächte des ganzen Krieges. In ihr, in der Stille und der Einsamkeit, fern von den anderen, kamen sie dreieinander so nahe wie selten zuvor. Sie sprachen über Dinge, über die man sonst nicht sprach. Die Nacht war klar und kalt, der Himmel von Sternen übersät, und über der weiten, dunklen Steppe lag eine ungeheure Stille, in der nur das leise Plätschern des Flusses zu hören war und gelegentlich der ferne Ruf eines Nachtvogels.

Sie kauerten in ihrem Erdloch, eng aneinander gedrängt gegen die Kälte, und hielten Wache. In der langen Stille der Nacht begannen sie zu reden, leise, mit gedämpfter Stimme. Das Gespräch wandte sich, wie es in solchen Nächten geschieht, den großen Fragen zu, dem Leben, dem Tod, dem Sinn von allem. Fritz, der junge Fritz, sprach in jener Nacht von seiner Furcht, offen, wie er es sonst nicht gewagt hätte. Er gestand, dass er sich fürchte, nicht so sehr vor dem Tod selbst, sondern vor dem Sterben, vor dem Schmerz, vor dem Alleinsein im Tod.

Er fragte sie, ob sie glaubten, dass es ein Danach gebe, ein Leben nach dem Tod, einen Himmel. Otto und Adler sahen einander an in der Dunkelheit, denn es war eine schwere Frage, eine Frage, die sie sich alle stellten und auf die keiner von ihnen eine sichere Antwort hatte. Adler sagte schließlich, dass er es nicht wisse, dass er gehofft hätte, daran zu glauben, dass ihm der Glaube aber schwer geworden sei in diesem Krieg angesichts all des sinnlosen Leidens.

Otto sagte, dass er glaube, dass es ein Danach geben müsse, dass es nicht sein könne, dass all dies umsonst sei, dass die Guten, die Schönen einfach ausgelöscht würden, dass es eine Gerechtigkeit geben müsse irgendwo, irgendwann. Sie sprachen lange über diese Dinge in jener stillen, sternklaren Nacht, drei junge Männer am Rande des Todes, die nach einem Sinn suchten in dem Sinnlosen, nach einem Trost in der Trostlosigkeit.

Dann gegen Morgen, als der Osten sich zu lichten begann und die Sterne zu verblassen, geschah etwas Wunderbares. Vom anderen Ufer, von den feindlichen Stellungen herüber, drang ein Gesang zu ihnen. Ein einzelner Mann sang dort drüben eine russische Weise, eine schwermütige, schöne Melodie, deren Worte sie nicht verstanden und die doch zu ihren Herzen sprach. Sie sang von dem, was alle Menschen fühlen, von Sehnsucht und Heimweh und Liebe und Verlust.

Sie lauschten alle drei, ergriffen dem Gesang des fernen, unsichtbaren Feindes, der in der Morgendämmerung sang, vielleicht aus demselben Heimweh, aus derselben Sehnsucht, die auch sie erfüllte. In jenem Augenblick gab es keine Feindschaft mehr zwischen ihnen. Nur das gemeinsame Menschsein, das gemeinsame Leiden, die gemeinsame Sehnsucht nach Frieden, nach Heimat, nach Liebe. Fritz, der junge Fritz, hatte Tränen in den Augen, als er dem Gesang lauschte.

Er flüsterte, dass es schön sei, so schön, und dass er nicht verstehe, warum sie den töten müssten, der dort so schön singe. Adler wusste keine Antwort, denn auch er verstand es nicht. Er hatte es nie verstanden und würde es nie verstehen. Sie lauschten dem Gesang, bis er verklang in der heraufdämmernden Morgenröte. Es war, als wäre ihnen für einen Augenblick ein Vorhang fortgezogen worden, hinter dem die Wahrheit lag, die einfache, ungeheure Wahrheit, dass sie alle Brüder waren, Menschen, die sich nach demselben sehnten.

Adler trug diesen Augenblick mit sich fort als kostbares Vermächtnis jener Nacht hinein in die Finsternis, die kommen sollte. Anfang Oktober 1942 stehen sie am Don und sichern die Flanke. Eine lange, dünne Linie, viel zu lang für ihre Zahl. Weiß sagt, das sei gefährlich, und Adler glaubt ihm. Zwischen den Stützpunkten klaffen Lücken. Wenn der Feind mit Macht angreift, halten sie ihn nicht. Jeder spürt es. Eine trügerische Ruhe wie die Schwüle vor dem Gewitter.

Weiß hat in einer Nacht offen zu Adler gesprochen. Er fürchtet, der Feldzug sei verloren. Das Heer habe übernommen, verzettelt in dieser Weite. Er sieht das Ende kommen. Wenn ein Mann wie Weiß so etwas sagt, dann ist es ernst. Es hat in Adler bestätigt, was er längst ahnt. Sie gehen einem Abgrund entgegen. Aber er will von etwas anderem schreiben, von etwas Schönem, das ihm bleiben soll. In einer Nacht auf vorgeschobenem Posten, Otto, Fritz und er, haben sie über das Leben und den Tod gesprochen.

Fritz hat gefragt, ob es ein Danach gibt. Keiner von ihnen wusste es. Aber dann gegen Morgen sang ein Russe drüben am anderen Ufer, eine schwermütige, schöne Weise. Sie haben gelauscht, alle drei, ergriffen. Fritz hatte Tränen in den Augen und fragte, warum wir den töten müssen, der so schön singt. Adler wusste keine Antwort. Er weiß sie bis heute nicht. Für einen Augenblick gab es keine Feindschaft, nur Menschen, die sich nach demselben sehnen. Heimat, Frieden, Liebe, das ist die Wahrheit. Alles andere ist Wahnsinn.

Adler nimmt diesen Augenblick mit in das Dunkle, das kommt. Stalingrad ist nah. Gott behüte sie. Die Aufzeichnungen des Martin Adler enden an dieser Stelle mit einem letzten, verzweifelten Hilferuf. Die historische Wahrheit ist bekannt: Wenige Wochen später, im November 1942, begann die sowjetische Großoffensive Operation Uranus, die zur Einkesselung der deutschen 6. Armee in Stalingrad führte. Die überdehnten Flanken am Don, die Feldwebel Weiß mit solcher Sorge betrachtet hatte, wurden von sowjetischen Panzerverbänden durchbrochen. Das Schicksal von Martin Adler, Otto, Fritz und Feldwebel Weiß ist nicht überliefert. Ihre Namen stehen für Hunderttausende, die in den Weiten Russlands verschlungen wurden.