Der 17-jährige Hans Weber meldete sich im Frühjahr 1945 freiwillig zur Hitlerjugend, getrieben von der Propaganda, die ihm Ruhm, Endsieg und die große Aufgabe für den Führer versprach. Sein Tagebuch, das nun erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, zeichnet ein schockierendes Bild des Wandels von einem begeisterten Jungen zu einem gebrochenen jungen Mann, der die Lügen des Regimes durchschaute. In wenigen Wochen erlebte er, wie aus dem Traum vom Heldentum die Hölle der Front wurde, ein Absturz, der Tausende seiner Altersgenossen in den Tod riss.
Hans Weber stammte aus einer kleinen Provinzstadt und wuchs in einer Welt auf, in der die Hitlerjugend ab 1933 zur zentralen Erziehungsinstitution wurde. Mit dem Gesetz über die Hitlerjugend von 1936 zur Staatsjugend erklärt und ab 1939 für fast alle Jungen verpflichtend, lernte er früh, dass Gehorsam, Härte und Opferbereitschaft die höchsten Tugenden waren. Die Nachmittage in Uniform, die Appelle, die Geländespiele und die endlosen Reden über die Größe der Nation prägten ihn tief. Für einen Jungen, der wenig von der Welt außerhalb seiner Stadt kannte, wirkte dies nicht wie Zwang, sondern wie ein Versprechen, Teil von etwas Großem zu sein.
In den Jahren 1944 und Anfang 1945 war diese Welt längst am Zusammenbrechen, doch viele Jungen wie Hans wollten oder konnten es nicht sehen. Die Niederlagen häuften sich, die Fronten rückten näher, die Städte brannten unter Bombenangriffen, und immer mehr Familien erhielten Nachrichten über gefallene Söhne. Trotzdem hielt die Propaganda an ihrem Versprechen fest und wurde, je hoffnungsloser die Lage wurde, umso lauter. Es war von Wunderwaffen die Rede, von einem geheimen Plan, von einem letzten Aufbäumen, das alles wenden werde. Der Führer, so hieß es, wisse, was er tue.
Hans Weber glaubte diesen Worten und notierte in seinem Tagebuch, dass er die schweren Zeiten als Prüfung verstehe und dass gerade jetzt jeder gebraucht werde. „Der Führer hat einen Plan“, schrieb er. „Wir dürfen nicht verzagen.“ Wie Tausende andere Jungen seines Alters meldete er sich freiwillig, voller Begeisterung, überzeugt davon, dass sein Einsatz einen Unterschied machen werde. Er sah sich nicht als Kind, das in einen aussichtslosen Kampf geschickt wurde, sondern als jungen Mann, der endlich beweisen durfte, was die Jahre der Erziehung aus ihm gemacht hatten.
Die sogenannte Ausbildung, die Hans Weber und die anderen jungen Freiwilligen erhielten, stand in keinem Verhältnis zu dem, was man ihnen versprochen hatte. Statt einer gründlichen militärischen Schulung über Monate erhielten sie nur eine hastige Einweisung, die je nach Lage wenige Wochen oder sogar nur wenige Tage dauerte. Man zeigte ihnen, wie man eine Panzerfaust abfeuerte, jene einfache Waffe, die zum Symbol des verzweifelten letzten Aufgebots wurde. Man drückte ihnen ein Gewehr in die Hand, oft ein altes Modell, manchmal ohne ausreichende Munition.
Von dem, was Krieg im Frühjahr 1945 wirklich bedeutete, erfuhren sie kaum etwas. Es ging nicht darum, sie zu erfahrenen Soldaten zu machen, denn dafür blieb weder Zeit noch Ausrüstung. Es ging darum, eine letzte Masse von Kämpfern aufzustellen, die die Lücken füllen sollten, die der Krieg in die Reihen der Wehrmacht gerissen hatte. Hans aber empfand die Tage anders. In seinem Tagebuch klang noch immer der Stolz durch, endlich dabei zu sein. „Wir lernen, wie man die Panzer der Feinde stoppt“, schrieb er. „Bald werden wir die Russen zurückschlagen.“
Als der Abmarsch im April kam, war die Stimmung unter den Jungen noch immer von einer trotzigen Zuversicht geprägt, die sich aus Jahren der Erziehung speiste. Hans Weber wurde wie viele andere in Richtung der zusammenbrechenden Ostfront verlegt, in das Gebiet, in dem die Rote Armee mit überwältigender Kraft auf das Reichsgebiet vordrang. Die jungen Freiwilligen marschierten, sangen anfangs, trugen ihre Ausrüstung und blickten auf die Landschaft, die der Krieg bereits gezeichnet hatte.
Schon auf dem Weg begegneten ihnen die ersten Zeichen dessen, was sie erwartete. Sie sahen Flüchtlingstrecks, erschöpfte Soldaten der Wehrmacht, die sich zurückzogen, zerstörte Dörfer und die müden Gesichter von Männern, die schon wussten, dass nichts mehr zu gewinnen war. Der Kontrast zwischen den marschierenden Jungen, die noch an den Sieg glaubten, und der zerschlagenen Realität ringsum hätte deutlicher kaum sein können. Hans schrieb in diesen Tagen weiter, und seine Worte trugen noch immer den Klang der Hoffnung.
Die ersten Stunden an der Front trugen noch den Schein dessen, was Hans Weber sich vorgestellt hatte. Als er und die anderen jungen Freiwilligen in ihren Stellungen ankamen, herrschte zunächst eine seltsame Ruhe, die der Junge fälschlicherweise für die Ruhe vor dem großen Augenblick hielt. Er sah die Gräben, die hastig ausgehobenen Löcher in der Erde, die Trümmer von Gebäuden und die Männer, die schon länger hier waren und deren Blicke er nicht zu deuten wusste. In seinem Tagebuch hielt er diese ersten Eindrücke noch mit einer Mischung aus Anspannung und Stolz fest.
Doch die Front hielt sich nicht an die Bilder der Wochenschauen. Was Hans in den nächsten Stunden und Tagen erleben sollte, hatte mit allem, was er gelernt hatte, nichts gemein. Die Ruhe, die er für den Auftakt zum Triumph hielt, war nur das Schweigen vor dem Einschlag. Der Krieg kam nicht als geordnete Schlacht, sondern als Chaos, das jede Vorstellung von Heldentum in Sekunden zerriss. Der erste schwere Artilleriebeschuss traf die Stellungen mit einer Wucht, die Hans Weber sich nicht hatte vorstellen können.
Die Erde bebte, die Luft füllte sich mit Rauch, Splittern und dem ohrenbetäubenden Lärm der Einschläge. Und zwischen den Detonationen hörte er zum ersten Mal die Schreie verwundeter Menschen. Was die Ausbildung ihm in wenigen Tagen vermittelt hatte, war in diesem Augenblick wertlos. Niemand hatte ihm gezeigt, wie man die Angst erträgt, wie man weiteratmet, wenn neben einem die Erde aufreißt, wie man bei klarem Verstand bleibt, wenn der Boden selbst zum Feind wird.
Die sowjetischen Panzer, von denen die Propaganda gesprochen hatte, als seien sie mit einer Panzerfaust und etwas Mut leicht zu bezwingen, rollten in einer Zahl und mit einer Überlegenheit heran, die jeden Widerstand sinnlos erscheinen ließ. Die Rote Armee war zu diesem Zeitpunkt eine erfahrene, gut ausgerüstete und zahlenmäßig weit überlegene Streitmacht, die wusste, dass der Sieg nahe war. Ihr gegenüber standen Jungen mit alten Gewehren, hastig ausgebildet und von Befehlshabern geführt, die selbst keine Hoffnung mehr hatten.
Hans sah, wie die ersten seiner Kameraden fielen, und er begriff in einem einzigen grausamen Moment, dass dies nicht das war, was man ihm versprochen hatte. Die Propaganda hatte ihm Heldenmut versprochen, die Front gab ihm nur Schrecken und Tod. Die Veränderung in seinem Tagebuch vollzog sich nicht über Wochen, sondern über Tage, und sie zeigt deutlicher als jede Statistik, wie schnell die Wirklichkeit die Illusion zerstörte. Nur einen Tag nach seiner stolzen Eintragung über die letzte Hoffnung Deutschlands wirkten seine Worte wie von einem anderen Menschen geschrieben.
„Das ist kein Krieg“, notierte er mit zitternder Hand. „Das ist eine Schlachtbank. Meine Kameraden liegen tot im Dreck, und niemand hilft ihnen.“ Der Junge, der wenige Wochen zuvor von Ruhm geträumt hatte, sah sich nun einer Realität gegenüber, für die er keine Worte gelernt hatte. Er beschrieb den Schlamm, in dem sie lagen, die Kälte, die in die Knochen kroch, den Hunger, der sich nicht stillen ließ, weil der Nachschub längst zusammengebrochen war.
In den ersten Nächten an der Front lernte Hans Weber eine Form von Furcht kennen, die in keiner Rede und in keinem Film je vorgekommen war. Die Dunkelheit brachte keine Ruhe, sondern eine andere Art von Schrecken, denn im Schwarz der Nacht wurden die Geräusche des Krieges noch bedrohlicher. Das ferne Rollen der Panzerketten, das Heulen heranfliegender Granaten, das Stöhnen der Verwundeten zwischen den Stellungen, all das fraß sich in das Bewusstsein des Jungen, der zuvor geglaubt hatte, auf alles vorbereitet zu sein.
Mit dem Morgengrauen kehrte das Feuer zurück, und mit ihm die Erfahrung, dass jeder neue Tag schlimmer sein konnte als der vorherige. Hans Weber erlebte einen jener Angriffe, bei denen die sowjetische Artillerie die Stellungen der Wehrmacht über Stunden hinweg systematisch zerschlug, bevor die Infanterie und die Panzer vorrückten. Er beschrieb in seinem Tagebuch, wie die Erde sich in eine fremde, zerwühlte Landschaft verwandelte, wie ganze Abschnitte des Grabens einstürzten und wie er zwischen den Einschlägen den Kopf nicht mehr zu heben wagte.
„Es hört nicht auf“, schrieb er, „Stunde um Stunde. Ich habe gebetet, zum ersten Mal seit langer Zeit. Nicht um den Sieg, nur darum, dass es aufhört.“ Hier offenbart sich ein weiterer Bruch in seinem Inneren. Denn der Junge, der ausgezogen war, um für den Endsieg zu kämpfen, betete nun nicht mehr um den Triumph, sondern um das bloße Ende des Schreckens. Als der Beschuss endlich nachließ und die Panzer in Sicht kamen, sah er, wie die Befehle, die man den Jungen gab, an der Wirklichkeit zerbrachen.
Der Hunger und die Erschöpfung wurden in diesen Tagen zu ständigen Begleitern. Der Nachschub, von dem die Ausbilder gesprochen hatten, kam nur unregelmäßig oder gar nicht, denn die Wege waren zerstört, die Organisation zerfallen, und niemand kümmerte sich noch um Jungen, die ohnehin als verloren galten. Hans Weber schrieb von Tagen, an denen es kaum etwas zu essen gab, von trockenem Brot, von Wasser aus zweifelhaften Quellen, von der Kälte, die in der durchnässten Kleidung blieb und nicht mehr weichen wollte.
„Wir frieren und hungern“, notierte er, „Und niemand kümmert sich um uns. Die großen Männer, die uns geschickt haben, sind weit weg.“ In diesem Satz lag ein neuer Ton, ein Anklang von Bitterkeit, der in seinen früheren Eintragungen vollständig gefehlt hatte. Der Junge begann zu unterscheiden zwischen denen, die an der Front litten, und denen, die in der Ferne Befehle gaben, ohne die Folgen zu tragen. Es war eine Einsicht, die ihm niemand beigebracht hatte und die der Erziehung in der Hitlerjugend geradezu entgegenstand.

Es gab in diesen Tagen Augenblicke, in denen die ganze Sinnlosigkeit des Geschehens sich in einem einzigen Ereignis verdichtete. Hans Weber beschrieb den Tod eines Kameraden, mit dem er besonders eng gewesen war, eines Jungen aus derselben Stadt, mit dem er die Ausbildung durchlaufen und die Hoffnungen geteilt hatte. Dieser Freund fiel nicht in einem großen, ehrenvollen Gefecht, sondern durch einen einzelnen Granatsplitter, sinnlos und plötzlich, während sie nebeneinander im Graben kauerten.
„Er war eben noch neben mir“, schrieb Hans, „und dann war er fort, einfach so. Es gibt keinen Sinn darin, es gibt keinen Ruhm.“ Mit diesen Worten zerstörte der Junge selbst das letzte Bild, das die Propaganda in ihm hinterlassen hatte, nämlich die Vorstellung, dass der Tod im Kampf eine Bedeutung habe, dass er einem höheren Zweck diene und dass das Opfer belohnt werde. Der Tod, den er nun aus nächster Nähe sah, war zufällig, schmutzig und ohne jede Größe.
Mit jedem Tag wuchs in seinen Aufzeichnungen die Frage, die er sich anfangs nicht zu stellen gewagt hatte. „Wo ist der Endsieg?“, schrieb er. „Das ist nur noch sterben. Wofür?“ Diese drei Worte, dieses kurze „Wofür?“, markierten den Bruch in seinem Inneren, den Augenblick, in dem der Glaube, der ihn an die Front getrieben hatte, zu zerbrechen begann. Es war keine plötzliche Einsicht, sondern ein langsames, schmerzhaftes Erwachen, das sich aus den Eindrücken jedes einzelnen Tages zusammensetzte.
Er sah, dass die versprochenen Wunderwaffen nicht kamen. Er sah, dass die Verstärkungen ausblieben. Er sah, dass die Offiziere, die ihn führten, selbst nicht mehr an einen Sieg glaubten, sondern nur noch Befehle weitergaben, die von weit oben kamen und mit der Lage an der Front nichts mehr zu tun hatten. Der Junge, der ausgezogen war, um Deutschland zu retten, erkannte, dass er und seine Kameraden nicht als Retter gebraucht wurden, sondern als Material, das man verheizte, um das Unvermeidliche um wenige Tage hinauszuzögern.
Um das Ausmaß dessen zu verstehen, was sich an dieser Front abspielte, muss man sich die nüchternen Verhältnisse vor Augen führen, in die man die jungen Freiwilligen hineingeschickt hatte. Im Frühjahr 1945 befand sich das Deutsche Reich in einem Zustand des vollständigen militärischen Zusammenbruchs. Im Osten drang die Rote Armee mit Millionen von Soldaten, mit Zehntausenden von Panzern und Geschützen unaufhaltsam vor. In dieser Lage griff das Regime auf seine letzten Reserven zurück, und diese letzten Reserven waren die Alten und die Kinder.
Der Volkssturm, im Herbst 1944 aufgestellt, sollte alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren erfassen, die noch nicht eingezogen waren. Zusammen mit den jungen Freiwilligen der Hitlerjugend bildete er ein Aufgebot, das militärisch nahezu wertlos, menschlich aber von erschütternder Tragik war. Diese Verbände hatten gegen die erfahrene und überlegene Rote Armee keine Chance, und die Verantwortlichen wussten das genau. Dennoch schickte man sie in den Kampf, nicht weil man glaubte, den Krieg noch gewinnen zu können, sondern weil eine Ideologie, die den Untergang dem Eingeständnis der Niederlage vorzog, jeden Preis für vertretbar hielt.
Die Befehle, die in diesen Tagen die jungen Kämpfer erreichten, standen in einem immer grelleren Widerspruch zu jeder Vernunft. Man befahl ihnen, jeden Meter Boden zu verteidigen, obwohl der Boden längst keine strategische Bedeutung mehr hatte. Man befahl ihnen, bis zur letzten Patrone auszuhalten, obwohl es kaum noch Patronen gab. Man drohte denen, die zurückweichen wollten, mit dem Standgericht, und so gerieten die Jungen zwischen zwei Formen des Todes, jenem durch den Feind und jenem durch die eigene Seite.
Hans schrieb darüber mit einer Klarheit, die erschütternd ist für einen 17-Jährigen. „Wir dürfen nicht zurück“, notierte er. „Wer zurückgeht, wird erschossen. Wer bleibt, stirbt durch die Russen. Es gibt keinen Ausweg.“ In diesen Zeilen liegt die ganze Ausweglosigkeit der Lage, in die man ihn gebracht hatte. Der Junge, der ausgezogen war, um für eine gerechte Sache zu kämpfen, erkannte, dass es um keine Sache mehr ging, sondern nur noch um das blinde Beharren auf einem Befehl, dessen einziger Zweck darin bestand, den Untergang in die Länge zu ziehen.
Die folgenden Tage brachten keine Besserung, sondern führten Hans Weber immer tiefer in die bittere Erkenntnis dessen, was die Erwachsenen längst gewusst hatten. Die Kämpfe gingen weiter, und mit ihnen wuchs die Zahl der Toten und Verwundeten unter denen, die er gekannt hatte. Er verlor Freunde, mit denen er noch wenige Wochen zuvor in der Heimat marschiert war, Jungen seines Alters, die dieselben Träume geträumt und dieselben Lieder gesungen hatten. Er sah Verwundete, denen niemand helfen konnte, weil es an allem fehlte, an Ärzten, an Verbandszeug, an Zeit.
In seinem Tagebuch verdichteten sich Verzweiflung und Todesangst zu Zeilen, die den ganzen Wandel des Jungen offenbaren. „Ich habe Angst zu sterben“, schrieb er. „Ich bin erst 17. Ich will nach Hause.“ In diesen wenigen Worten lag die ganze Wahrheit, die die Propaganda jahrelang verschwiegen hatte. Hier war kein Held, der freudig für das Vaterland in den Tod ging, sondern ein Kind, das nach Hause wollte und das begriff, dass man es belogen hatte.
Zwischen den Kämpfen gab es kurze Pausen, in denen die Jungen einander begegneten und in denen sich zeigte, wie tief die Erfahrung der Front sie verändert hatte. Hans Weber beschrieb diese Momente in seinem Tagebuch mit einer Aufmerksamkeit für das Menschliche, die in den frühen Eintragungen noch gefehlt hatte. Er sah in den Gesichtern der anderen denselben Schrecken, den er in sich selbst spürte, und er erkannte, dass keiner von ihnen mehr an das glaubte, was sie hergeführt hatte.
„Wir sprechen nicht mehr vom Sieg“, schrieb er. „Wir sprechen von zu Hause, von der Mutter, von Essen. Niemand sagt mehr Endsieg, das Wort ist tot.“ Es ist eine der eindringlichsten Beobachtungen seines ganzen Tagebuchs, denn sie zeigt, wie ein zentraler Begriff der Propaganda, der jahrelang allgegenwärtig gewesen war, an der Front einfach verschwand, weil die Wirklichkeit ihn unmöglich gemacht hatte. Die Jungen, die in der Heimat von Ruhm und Größe gesungen hatten, sprachen nun von den einfachsten Dingen, von Wärme, von Nahrung, von den Menschen, die sie liebten.
Je weiter die Tage fortschritten, desto mehr löste sich die geordnete Vorstellung vom Kampf in das auf, was der Rückzug und der Zusammenbruch wirklich bedeuteten. Die Stellungen, die man halten sollte, wurden überrannt, die Einheiten zerfielen, und das Chaos der Flucht vermischte sich mit dem Chaos des Kampfes. Hans Weber bewegte sich in diesen Tagen durch eine Landschaft, die jeder Ordnung beraubt war, vorbei an zurückgelassener Ausrüstung, an Verwundeten, an den Spuren der Verzweiflung, die der zusammenbrechende Krieg hinterließ.
„Niemand weiß mehr, was wir tun sollen“, notierte er. „Jeder versucht nur noch zu überleben.“ Der Glaube an die große Sache, der ihn an die Front getrieben hatte, war nun vollständig erloschen, und an seine Stelle war der nackte Wille getreten, am Leben zu bleiben. Es war der Wille eines Jungen, der zu früh hatte erwachsen werden müssen, der in wenigen Tagen mehr Tod gesehen hatte, als ein Mensch in einem ganzen Leben sehen sollte, und der nun nur noch eines wollte, nämlich das Ende dieses Wahnsinns zu erleben.
Die letzten Tage, die sein Tagebuch aus dieser Zeit festhält, sind geprägt von einer Erschöpfung, die über die körperliche hinausging und das Innerste des Jungen erfasst hatte. Er hatte zu viel gesehen, zu viele Tote, zu viel Sinnlosigkeit, und seine Eintragungen wurden kürzer, abgehackter, als reichte die Kraft nicht mehr für lange Sätze. Doch gerade in dieser Kargheit liegt ihre Wucht. „Wieder Angriff!“, schrieb er an einem Tag, „Wieder Tote. Ich lebe noch. Ich weiß nicht warum.“
An einem anderen Tag notierte er nur wenige Worte, die das ganze Ausmaß seiner inneren Veränderung enthalten. „Ich bin nicht mehr derselbe“, schrieb er. „Der Junge, der sich freiwillig gemeldet hat, ist tot. Etwas anderes ist an seine Stelle getreten.“ Hier spricht ein Mensch, der begriffen hat, dass die Erfahrung der Front ihn für immer von dem getrennt hat, der er einmal war. Der begeisterte Siebzehnjährige, der vom Endsieg geträumt und sich nach Ruhm gesehnt hatte, existierte nicht mehr.
Hans Weber überlebte die ersten Tage an der Front, in denen so viele seiner Kameraden starben. Er überlebte den Beschuss, die Befehle, die niemand mehr verstand, und den Zusammenbruch einer Ordnung, an die er einst geglaubt hatte. Viele seiner Kameraden hatten dieses Glück nicht. Sie blieben zurück im Schlamm jener Tage des Frühjahrs, Jungen seines Alters, die mit denselben Träumen ausgezogen waren und denen die Zeit fehlte, das Erlebte in Worte zu fassen. Was von ihnen blieb, sind keine Heldengeschichten, wie die Propaganda sie versprochen hatte, sondern das Schweigen der Toten.
Das Tagebuch des Hans Weber blieb als Zeugnis erhalten, als Zeugnis des Abstands zwischen dem, was versprochen wurde, und dem, was wirklich geschah. Es erzählt nicht von Ruhm, sondern von einem jungen Menschen, dem man eine Lüge als Wahrheit verkauft hatte und der den Preis dafür mit seiner Jugend bezahlte. In seinen letzten Eintragungen aus jenen Tagen findet sich keine Spur der Begeisterung mehr, mit der er begonnen hatte. „Ich weiß jetzt, dass alles eine Lüge war“, schrieb er. „Ich will nur noch leben.“


