Beim zehnjährigen Jubiläum des Cafés meines Sohnes stand seine Frau mit einem Sektglas vor sechzig Gästen und stellte alle vor, die zum Erfolg beigetragen hatten. Dann kam sie zu mir und sagte: „Und das ist Elisabeth, meine Schwiegermutter. Sie hilft bei uns ein bisschen aus. Für ihr Alter macht sie das ganz ordentlich.

“ Es gab höfliches Gelächter. Ich stand in einem Café, dessen Mietvertrag auf meinen Namen läuft, und habe mitgelacht. Mein Name ist Elisabeth Trautmann. Ich bin zweiundsiebzig Jahre alt und lebe in Schwerin.
Bevor ich Ihnen erzähle, was drei Wochen später von diesem Café übrig war, möchte ich wissen, von wo aus Sie mir gerade zuhören. Schreiben Sie mir Ihre Stadt in die Kommentare. Ich muss wissen, dass ich damit nicht allein bin. Dass irgendwo jemand versteht, wie es ist, unsichtbar zu werden in etwas, das man selbst mit aufgebaut hat.
Angefangen hat alles 2015. Mein Sohn Dennis war damals gelernter Koch und hatte seit Jahren den Traum von einem eigenen Laden. Er hatte in Hotels und Restaurants gearbeitet, immer angestellt, immer unzufrieden. Dann wurde in der Schweriner Altstadt ein Ladenlokal frei.
Achtzig Quadratmeter, gute Lage, die Gastronomiegenehmigung war schon vorhanden. Er kam zu mir und war aufgeregt wie ein Kind. Er legte den Grundriss auf meinen Küchentisch und erklärte mir, wo die Theke hinkommt. Und dann kam das Problem.
Er bekam den Mietvertrag nicht. Der Vermieter wollte Sicherheiten, und Dennis hatte keine. Er hatte einen Kredit für sein Auto, kein Eigenkapital und noch nie selbstständig gearbeitet. Ich hatte etwas.
Mein Mann Heinz war 2012 gestorben, und ich hatte die Wohnung, in der ich lebe, abbezahlt und eine kleine Lebensversicherung. Der Vermieter sagte, wenn ich als Mieterin unterschreibe, bekommt der Laden den Vertrag. Ich habe unterschrieben. Das ist der wichtigste Satz dieser ganzen Geschichte, und deshalb sage ich ihn noch einmal deutlich: Ich habe den Mietvertrag unterschrieben, nicht Dennis.
Ich. Seit 2015 läuft der Mietvertrag für das Café Trautmann in der Schweriner Altstadt auf Elisabeth Trautmann, geboren 1953. Ich habe das damals nicht als Macht gesehen. Ich habe es als Hilfe gesehen.
Eine Mutter unterschreibt für ihren Sohn. So ist das. Ich möchte kurz innehalten. Wenn Sie das kennen, wenn Sie für jemanden unterschrieben, eingesprungen, mitgeholfen haben und irgendwann nur noch das Personal waren, dann sind Sie hier richtig.
Bleiben Sie dran. Was danach kam, hat neun Jahre gedauert. Das Café ging im April 2015 auf, und ich war von der ersten Woche an dort. Ich muss erklären, warum, denn das war nicht der Plan.
Der Plan war, dass ich hin und wieder vorbeischaue. Aber Dennis kann kochen, und Dennis kann mit Gästen reden. Und Dennis kann nichts von dem, was ein Betrieb sonst noch braucht. In der dritten Woche fehlte die Umsatzsteuer-Voranmeldung.
In der fünften Woche standen zwei Lieferanten vor der Tür, weil niemand die Rechnungen bezahlt hatte, obwohl Geld da war. Im zweiten Monat rief er beim Steuerberater an und fragte, was eine Inventur ist. Ich habe vierunddreißig Jahre lang in der Verwaltung eines Baubetriebs gearbeitet, zuletzt als Leiterin der Buchhaltung. Ich habe Lieferantenverträge verhandelt, Personalabrechnungen gemacht, Betriebsprüfungen begleitet.
Also habe ich angefangen, das zu machen, was mein Sohn nicht kann. Und das war nicht wenig. Ich habe die komplette Buchhaltung geführt. Kassenbuch, Belegwesen, Vorbereitung für den Steuerberater, Umsatzsteuer, Lohnabrechnungen für zuletzt sieben Mitarbeiter.
Ich habe den gesamten Einkauf gemacht, alle Lieferantenverträge verhandelt, Preise nachverhandelt, Reklamationen geregelt. Ich habe die Dienstpläne geschrieben. Ich habe morgens um halb sieben aufgeschlossen, damit der Bäcker liefern kann, weil Dennis um halb sieben nicht aufsteht. Ich habe abends abgerechnet, den Tagesatz gezählt und zur Bank gebracht.
Jahre lang, sechs Tage die Woche, zuletzt etwa fünfunddreißig Stunden. Und jetzt kommt der Punkt, der später alles entschieden hat. Ich hatte keinen Vertrag. Keinen Arbeitsvertrag, keine Anmeldung, keine Lohnabrechnung, keine Sozialversicherung.
Nichts. Ich habe kein Gehalt bekommen, kein einziges Mal in neun Jahren. Es hieß am Anfang: „Mama, wenn es läuft, kriegst du was. “ Dann hieß es: „Mama, wir müssen erst den Kredit tilgen.
“ Und irgendwann hieß es gar nichts mehr, weil niemand mehr davon sprach. Ich habe von meiner Rente gelebt, elfhundertachtzig Euro, und ich habe in einem Betrieb gearbeitet, der zuletzt einen Jahresumsatz von über vierhunderttausend Euro hatte. Katrin kam dazu. Sie ist Dennis’ Frau.
Sie hat vorher im Einzelhandel gearbeitet. Sie hat sich um das Erscheinungsbild gekümmert, wie sie es nannte. Instagram, Dekoration, die Karte, die Website. Das kann sie gut, das muss ich sagen.
Das Café sieht schön aus, und die Leute fotografieren die Torten. Aber mit Katrin veränderte sich, wie man mit mir umging. Ich möchte Ihnen erzählen, wie das ablief, weil es schleichend passiert ist. Als sie kam, sagte sie noch: „Elisabeth, du machst das mit den Zahlen ja unglaublich.
“ Nach einem Jahr sagte sie zu einer neuen Mitarbeiterin in meiner Gegenwart: „Die Elisabeth macht so ein bisschen Büro. “ 2020 hat sie den Betriebsablauf umgestellt, ohne mich zu fragen. Und als ich sagte, dass das mit den Lieferzeiten nicht funktioniert, sagte sie: „Elisabeth, du bist da vielleicht ein bisschen altmodisch. “ Es hat nicht funktioniert.
Nach sechs Wochen sind sie zurück zu meinem Ablauf. 2022 haben sie ein Kassensystem gekauft, ein modernes mit Tablet. Katrin hat gesagt, das sei jetzt einfacher. Ich habe gefragt, ob es GoBD-konform ist, und sie hat mich angesehen wie eine Frau, die aus Versehen ein Fremdwort benutzt hat.
Es war nicht konform. Wir haben es bei der nächsten Prüfung gemerkt. Aber da wurde ich bei Entscheidungen nicht mehr gefragt. Ich habe weiter um halb sieben aufgeschlossen.
Ich habe weiter die Buchhaltung gemacht. Ich habe weiter mit den Lieferanten telefoniert. Aber wenn etwas besprochen wurde, saßen Dennis und Katrin zusammen, und ich erfuhr es hinterher. Es gab einen Moment, an den ich oft denken musste.
Im Sommer 2024 kam ein Journalist von der Lokalzeitung wegen einer Serie über inhabergeführte Cafés. Katrin hat das Interview gegeben, Dennis stand daneben. In dem Artikel stand dann: „Das Ehepaar Trautmann führt das Café seit 2015 gemeinsam, unterstützt von einem eingespielten Team. “ Ich war das eingespielte Team.
Ich habe den Artikel ausgeschnitten und in eine Schublade gelegt. Ich weiß bis heute nicht, warum. Das Jubiläum war am zwölften April. Zehn Jahre Café Trautmann.
Sie haben es groß gemacht. Der Laden war abends für Gäste geschlossen. Es gab Sekt und Häppchen, sechzig Leute, Lieferanten, Stammkunden, jemand von der Stadt. Ich hatte drei Wochen daran gearbeitet.
Ich habe die Einladungen verschickt, die Getränke bestellt, mit dem Caterer verhandelt, und ich habe die Abrechnung gemacht. Ich hatte mir ein neues Kleid gekauft, dunkelblau. Das erste neue Kleid seit vier Jahren. Und dann hielt Katrin ihre Rede.
Sie hat gut gesprochen. Sie hat von den Anfängen erzählt, von den schweren Jahren, von der Pandemie. Sie hat gesagt, es gab Momente, da wussten wir nicht, ob wir den nächsten Monat noch aufmachen. Ich wusste, welche Momente sie meint.
Ich weiß es genau, weil ich es war, die im Frühjahr mit der Bank verhandelt hat, als der Kontokorrentkredit ausgereizt war. Ich bin dreimal hingefahren, bis der Berater die Linie erhöht hat. Dennis wusste damals nicht einmal, wie hoch der Kredit war. Er hat mich gefragt: „Kriegen wir das hin?
“ Und ich habe gesagt: „Ja. “ Katrin hat davon nichts erzählt, weil sie es nicht weiß. Und dann hat sie angefangen, Leute vorzustellen und ihnen zu danken. Sie hat dem Steuerberater gedankt.
Sie hat dem Bäcker gedankt, der seit zehn Jahren liefert. Sie hat der Köchin gedankt, die seit vier Jahren da ist. Sie hat einer Aushilfe gedankt, die seit acht Monaten da ist. Bei der Aushilfe hat sie gesagt, ohne Jule wären wir im letzten Sommer untergegangen.
Ich habe da gesessen und mitgeklatscht. Und dann kam sie zu mir. Sie hat ihr Glas gehoben und gesagt: „Und das ist Elisabeth, meine Schwiegermutter. Sie hilft bei uns ein bisschen aus.
Für ihr Alter macht sie das ganz ordentlich. “ Es gab höfliches Gelächter, nicht böses Gelächter, freundliches. Die Leute haben mich angesehen und wohlwollend gelächelt, so wie man eine alte Frau anlächelt, die noch ein bisschen mithilft. Ich habe mitgelacht.
Ich habe sogar genickt und mit der Hand eine Bewegung gemacht, als wollte ich sagen: „Ach was, nicht der Rede wert. “
Das ist es, was ich mir vorwerfe. Ich habe mitgelacht in einem Kleid, das ich mir für diesen Abend gekauft hatte, in einem Laden, dessen Mietvertrag auf meinen Namen läuft. Und dann habe ich noch drei Stunden Gläser eingesammelt, weil die Aushilfe früher gehen musste.
Ich habe an diesem Abend die Gläser abgeräumt, für die man mir gedankt hat, indem man mir sagte, ich mache das ganz ordentlich für mein Alter. Der Bäcker, Herr Lemke, ist später zu mir gekommen und hat gesagt: „Frau Trautmann, das war nicht in Ordnung. “ Ich habe gesagt: „Ach, sie hat das nicht so gemeint. “ Und Herr Lemke hat mich angesehen und gesagt: „Frau Trautmann, ich telefoniere seit zehn Jahren mit Ihnen, nicht mit den beiden.
Mit Ihnen. “ Dieser Satz hat länger in mir gearbeitet als die Rede. Ich bin an diesem Abend nach Hause gegangen und habe mich an meinen Küchentisch gesetzt. Und da ist etwas passiert, das ich nicht steuern konnte.
Ich habe angefangen zu rechnen. Nicht aus Wut, aus Gewohnheit. Ich habe vierunddreißig Jahre lang gerechnet, wenn ich nicht weiterwusste. Ich habe ausgerechnet, was ich in neun Jahren gearbeitet habe.
Fünfunddreißig Stunden die Woche, sechs Tage, zweiundvierzig Wochen im Jahr, weil ich manchmal Urlaub hatte. Neun Jahre. Dreizehntausendzweihundert Stunden. Ich habe im Internet nachgesehen, was eine Buchhalterin mit meiner Qualifikation verdient.
Der Tarif liegt bei etwa zweiundzwanzig Euro die Stunde. Zweihundertneunzigtausend Euro. Ich habe für zweihundertneunzigtausend Euro gearbeitet und nichts bekommen. Und meine Schwiegertochter hat vor sechzig Menschen gesagt, ich helfe ein bisschen aus.
Am nächsten Morgen habe ich einen Anwalt angerufen. Ich möchte an dieser Stelle etwas sagen, weil es mir wichtig ist. Ich bin nicht zum Anwalt gegangen, um Geld zu holen. Ich bin hingegangen, weil ich wissen wollte, was ich eigentlich bin.
Ob ich jemand bin. Dr. Bernau, Kanzlei am Pfaffenteich, Fachanwalt für Arbeits- und Gesellschaftsrecht. Ich habe einen Termin für den Donnerstag bekommen.
Ich habe alles mitgenommen. Den Mietvertrag, neun Ordner Buchhaltung, die Lieferantenverträge, den Zeitungsartikel. Dr. Bernau hat zweieinhalb Stunden gebraucht.
Er hat sich alles angesehen, sehr genau, und dabei fast nichts gesagt. Nur einmal hat er gefragt. „Und das haben Sie alles selbst gemacht? “ Ich habe gesagt: „Ja.
“ „Auch die Lieferantenverträge? Da steht überall Ihr Name als Verhandlungsführerin. “ „Ja. “
Dann hat er die Unterlagen zusammengeschoben, die Hände darauf gelegt und mich angesehen.
Und dann hat er gesagt: „Frau Trautmann, ich muss Ihnen etwas erklären, und Sie werden es zuerst nicht glauben. Sie sind nicht die Aushilfe in diesem Betrieb. Sie sind die Schlüsselfigur. Und zwar in drei verschiedenen Hinsichten, von denen jede einzelne genügen würde.
“
Erstens, der Mietvertrag. „Das Ladenlokal ist an Sie vermietet. Sie sind Mieterin. Ihr Sohn hat das Objekt von Ihnen zur Nutzung überlassen bekommen, ohne dass es dazu einen schriftlichen Untermietvertrag gibt.
Er nutzt es, weil Sie es dulden. Sie können diese Duldung beenden, und wenn Sie das Mietverhältnis selbst kündigen, verliert der Betrieb sein Lokal. “ Ich habe gefragt: „Einfach so? “ Er sagte: „Nicht einfach so.
Es gibt Fristen. Aber ja, Ihr Sohn hat kein eigenes Recht an diesen Räumen. “
Zweitens, die Arbeit. „Sie haben neun Jahre lang in einem Betrieb weisungsgebunden gearbeitet, ohne Vertrag und ohne Entgelt.
Das ist arbeitsrechtlich hochproblematisch für den Betrieb, und sozialversicherungsrechtlich ist es ein Fall, bei dem die Deutsche Rentenversicherung sehr genau hinsieht. “ Ich habe gefragt, was das heißt. Er sagte: „Es heißt, dass bei einer Betriebsprüfung die Frage gestellt wird, warum eine Person über neun Jahre täglich fünfunddreißig Stunden für einen Betrieb arbeitet, ohne angemeldet zu sein. Die Konsequenzen für Ihren Sohn wären erheblich.
Nachzahlungen, Säumniszuschläge, unter Umständen ein Strafverfahren wegen Vorenthaltens von Arbeitsentgelt. “ Ich habe gesagt: „Ich will meinen Sohn nicht anzeigen. “ Und er hat gesagt: „Das habe ich verstanden. Ich erkläre Ihnen nur, wo Sie stehen.
Es gibt einen Unterschied zwischen etwas tun und wissen, dass man es könnte. “
Und drittens, und das war der Punkt, bei dem ich verstanden habe, wie die Sache wirklich liegt. Er sagte: „Frau Trautmann, wer kennt in diesem Betrieb die Passwörter? “ Ich habe gesagt: „Ich.
“ „Wer hat den Zugang zum Geschäftskonto? “ „Ich habe die Vollmacht. Dennis natürlich auch. Es ist sein Konto.
“ „Wer weiß, wann welche Rechnung fällig ist? “ „Ich. “ „Wer hat die Verträge mit den Lieferanten verhandelt, und wen rufen die an, wenn es ein Problem gibt? “ „Mich.
“ „Wer macht die Lohnabrechnung für die sieben Mitarbeiter? “ „Ich. “
Er hat sich zurückgelehnt und gesagt: „Frau Trautmann, dieser Betrieb läuft nicht mit Ihrer Hilfe. Er läuft, weil Sie ihn führen.
Ihr Sohn kocht, Ihre Schwiegertochter dekoriert, und Sie betreiben das Unternehmen. “
Ich habe in diesem Büro gesessen und geweint. Zum ersten Mal seit dem Jubiläum. Nicht aus Kummer.
Weil zum ersten Mal seit neun Jahren jemand ausgesprochen hat, was ich bin. Wir haben dann besprochen, was ich will. Und ich habe etwas gesagt, das Dr. Bernau überrascht hat.
Ich habe gesagt: „Ich will nicht kämpfen. Ich will gehen. “ Er hat gefragt, ob ich mir das gut überlegt habe. Ich habe gesagt: „Ich bin zweiundsiebzig.
Ich stehe seit neun Jahren um fünf Uhr auf. Ich will nicht um mein Recht in diesem Café kämpfen. Ich will raus, und ich will, dass es geordnet passiert. “
Und dann habe ich gesagt, was ich wollte.
Ich hatte es mir in der Nacht davor aufgeschrieben. Erstens, ich kündige den Mietvertrag zum nächstmöglichen Termin. Aber ich biete dem Vermieter an, dass er direkt mit Dennis einen neuen Vertrag schließt, wenn Dennis die Bonität nachweist. Ich zerstöre nichts, ich nehme nur meinen Namen heraus.
Zweitens, ich stelle meine Tätigkeit ein mit einer Übergabefrist von vier Wochen, in der ich alles dokumentiere und erkläre. Drittens, ich verlange keine Nachzahlung für neun Jahre, aber ich verlange eine schriftliche Bestätigung darüber, was ich in diesem Betrieb getan habe. Ein qualifiziertes Zeugnis. Dr.
Bernau hat mich lange angesehen und dann gesagt: „Frau Trautmann, das ist die zurückhaltendste Forderung, die ich in fünfundzwanzig Jahren gehört habe. Und wenn ich ehrlich bin, ist sie die härteste. “ Ich habe gefragt, warum. Er sagte: „Weil Sie ihnen nichts wegnehmen, wofür sie Sie hassen könnten.
Sie hören einfach auf, und dann sehen alle, was sie waren. “
Bevor ich Ihnen erzähle, was in diesen vier Wochen passiert ist, tun Sie mir bitte einen Gefallen und drücken Sie auf Abonnieren. Denn was jetzt kommt, dafür brauche ich Zeugen. Die Schreiben gingen am dreiundzwanzigsten April raus.
Eines an den Vermieter mit der Kündigung und dem Angebot der Vertragsübernahme, und eines an Dennis mit der Mitteilung, dass ich meine Tätigkeit zum einundzwanzigsten Mai einstelle, mit dem Angebot einer geordneten Übergabe. Dennis hat mich am selben Abend angerufen. Er hat nicht geschrien. Er hat gelacht.
Er hat gesagt: „Mama, was ist denn jetzt in dich gefahren? Wegen der Rede? Das war doch nur so dahergesagt. “ Ich habe gesagt: „Dennis, ich höre am einundzwanzigsten Mai auf.
Ich möchte, dass wir die vier Wochen für eine ordentliche Übergabe nutzen. “ Und er hat gesagt, und das war der Moment, in dem ich wusste, dass es richtig ist: „Mama, mach mal halblang. Wir kriegen das schon hin. Das ist ja jetzt keine Raketenwissenschaft.
“ Neun Jahre Buchhaltung, Einkauf, Personal, Lieferanten. Ich habe gesagt: „Gut, dann brauchst du die Übergabe ja nicht. “ Und aufgelegt. Das war ein Fehler von mir, das gebe ich zu.
Ich hätte die Übergabe machen sollen, egal was er sagt. Ich habe es aus Trotz nicht getan, und das war nicht meine feinste Stunde. Aber ich habe etwas anderes gemacht, das ich für richtig halte. Ich habe in den vier Wochen alles vorbereitet, was ein anständiger Mensch vorbereitet.
Ich habe eine Übergabemappe erstellt, achtzig Seiten. Alle Passwörter, alle Ansprechpartner mit Telefonnummern, alle Fälligkeiten, die Zugänge zum Kassensystem, der Ablauf der Monatsabrechnung, die Fristen beim Steuerberater, die Kündigungsfristen der Mitarbeiter. Ich habe sie am einundzwanzigsten Mai auf die Theke gelegt, morgens um halb sieben, zusammen mit dem Schlüssel. Und dann bin ich gegangen.
Ich habe die Lieferanten vorher informiert, alle vierzehn. Ich habe jeden einzelnen angerufen und gesagt, ich höre auf. Ab dem einundzwanzigsten ist Dennis Trautmann Ihr Ansprechpartner. Herr Lemke, der Bäcker, hat gesagt: „Frau Trautmann, dann kündige ich.
“ Ich habe gesagt: „Herr Lemke, das müssen Sie nicht meinetwegen tun. “ Und er hat gesagt: „Ich tue es nicht Ihretwegen. Ich liefere seit zehn Jahren um halb sieben, weil Sie da sind und aufschließen. Ich stelle mich nicht um sechs Uhr an eine verschlossene Tür.
“
Was in den drei Wochen danach passiert ist, weiß ich zum Teil von Mitarbeitern, die mich angerufen haben, und zum Teil aus dem, was in der Stadt geredet wurde. In der ersten Woche fiel die Frühlieferung aus. Zweimal, weil niemand um halb sieben da war und Herr Lemke nicht warten konnte. Am dritten Tag rief mich Jule an, die Aushilfe, der Katrin auf dem Jubiläum gedankt hatte.
Sie hat gesagt: „Frau Trautmann, entschuldigen Sie, aber wissen Sie, wo die Zugangsdaten für das Bestellsystem vom Getränkelieferanten sind? Wir haben kein Mineralwasser mehr. “ Ich habe gesagt: „Jule, das steht auf Seite vierzig in der Mappe, die auf der Theke liegt. “ Sie hat gesagt: „Welche Mappe?
“ Die Mappe lag drei Tage auf der Theke, und niemand hatte sie aufgeschlagen. In der zweiten Woche kamen die Mahnungen. Nicht, weil kein Geld da war, sondern weil niemand wusste, welche Rechnungen fällig sind. Zwei Lieferanten haben auf Vorkasse umgestellt.
Der Fleischer hat mich angerufen und gefragt, ob bei den Trautmanns alles in Ordnung sei. Er hat gesagt: „Seit zehn Jahren ist da nie was schiefgegangen, jetzt drei Mahnungen in zwei Wochen. “
In der dritten Woche gab es einen Zwischenfall mit den Löhnen. Die Lohnabrechnung für Mai war nicht gemacht worden.
Ich habe sie immer zwischen dem Zwanzigsten und dem Fünfundzwanzigsten gemacht, und ich bin am Einundzwanzigsten gegangen. Sieben Mitarbeiter haben ihr Geld zu spät und teilweise falsch bekommen. Die Köchin, die seit vier Jahren da war, hat zweihundert Euro zu wenig bekommen, weil ihre Überstunden nicht erfasst waren. Zwei haben gekündigt.
Die Köchin war eine davon. Und Ende Juni kam die Betriebsprüfung. Die war schon lange angekündigt, das wusste ich. Ich hatte die Unterlagen im März vorbereitet, alles sortiert, alles bereitgelegt.
Es lag in meinem Ordnerschrank, den ich dort gelassen habe. Was bei dieser Prüfung herausgekommen ist, weiß ich nicht genau. Ich habe nicht gefragt, und Dennis hat es mir nicht erzählt. Ich weiß nur, dass danach der Steuerberater das Mandat niedergelegt hat.
Das habe ich von ihm selbst erfahren. Er hat mich angerufen und gesagt: „Frau Trautmann, ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich immer gewusst habe, wer diese Unterlagen erstellt hat. Neun Jahre lang habe ich mit Ihnen telefoniert. Es war eine Freude.
“
Und dann kam der Brief vom Vermieter. Er hatte mein Angebot geprüft und Dennis eine Bonitätsauskunft abverlangt. Dennis hat sie eingereicht. Sie hat nicht gereicht.
Der Vermieter hat mir geschrieben, sehr höflich, dass er den Vertrag nicht auf Herrn Dennis Trautmann übertragen kann und dass er das Objekt nach Ablauf meiner Kündigungsfrist neu vermieten wird. Ich habe diesen Brief gelesen und dann bei Dr. Bernau angerufen und gefragt, ob ich die Kündigung zurücknehmen kann. Und er hat gesagt: „Sie können.
Wollen Sie? “
Ich habe eine Nacht darüber nachgedacht, und ich habe es nicht getan. Nicht aus Härte, sondern weil ich verstanden habe, dass ich sonst wieder da bin, wo ich neun Jahre lang war. Die alte Frau, die unterschreibt, damit es weitergeht, und dann vor sechzig Gästen vorgestellt wird als jemand, der ein bisschen aushilft.
Das Café Trautmann hat am elften August geschlossen. Zehn Jahre und vier Monate. Das ist jetzt sechs Monate her. Ich will nicht so tun, als wäre das ein Triumph.
Es war furchtbar. Mein Sohn hat sein Lebenswerk verloren, und ich habe dabei seine Hand nicht gehalten. Ich weiß nicht, ob ich das richtig gemacht habe. Ich denke fast jeden Tag darüber nach, aber ich weiß, dass ich es nicht anders konnte.
Dennis arbeitet wieder als angestellter Koch in einem Hotel am See. Er verdient anständig. Er ruft alle paar Wochen an, und wir reden über nichts. Er hat sich nie entschuldigt, und ich glaube inzwischen, dass er es auch nicht versteht.
In seinem Kopf hat seine Mutter ihm den Laden weggenommen. Katrin spricht nicht mit mir. Und dann ist noch etwas passiert. Im Oktober rief mich Herr Lemke an, der Bäcker.
Er hat gefragt, ob ich Lust hätte, zwei Tage die Woche bei ihm im Büro zu arbeiten. Er hat gesagt, seine Tochter macht die Buchhaltung, aber sie kommt nicht hinterher, und er sucht seit einem Jahr jemanden. Ich habe gefragt: „Herr Lemke, ich bin zweiundsiebzig. “ Und er hat gesagt: „Frau Trautmann, ich weiß, was Sie können.
Ich habe es zehn Jahre lang am Telefon gehört. “
Ich arbeite jetzt dienstags und donnerstags bei der Bäckerei Lemke auf Minijob-Basis, mit einem richtigen Vertrag, mit Lohnabrechnung und Anmeldung. Ich verdiene fünfhundertachtzig Euro im Monat. Das ist nicht viel, aber es ist das erste Geld, das ich für meine Arbeit bekomme, seit ich 2015 in Rente gegangen bin.
Als die erste Lohnabrechnung kam, habe ich sie an den Kühlschrank gehängt. Sie hängt immer noch da. Ich möchte Ihnen etwas mitgeben, und es ist sehr praktisch. Wenn Sie in einem Familienbetrieb mitarbeiten, dann lassen Sie sich anmelden.
Auch wenn es nur ein paar Stunden sind, auch wenn es die eigenen Kinder sind, besonders dann. Ein Vertrag ist kein Misstrauen. Ein Vertrag ist das einzige, was hinterher noch da ist, wenn die Dankbarkeit weg ist. Ohne Vertrag sind Sie rechtlich niemand.
Sie haben keinen Anspruch auf Lohn. Sie sammeln keine Rentenpunkte. Sie sind nicht unfallversichert. Wenn Sie in diesem Betrieb von der Leiter fallen, sind Sie ein Privatunfall.
Neun Jahre, dreizehntausend Stunden, null Rentenpunkte. Und noch etwas, das schwerer ist. Wenn Sie für jemanden unterschreiben, für einen Mietvertrag, für einen Kredit, für irgendetwas, schreiben Sie sich auf, dass Sie es getan haben, und lesen Sie es einmal im Jahr. Ich habe 2015 diesen Mietvertrag unterschrieben und danach neun Jahre lang nicht mehr daran gedacht.
Ich wusste es, aber ich habe es nicht gewusst. Wenn ich es die ganze Zeit gewusst hätte, hätte ich vielleicht schon im dritten Jahr etwas gesagt. Vielleicht wäre das Café dann noch offen. Ich bin Elisabeth Trautmann.
Ich bin zweiundsiebzig Jahre alt. Wenn ich dienstags zur Bäckerei fahre, komme ich an dem Laden vorbei. Es ist jetzt ein Friseur drin. Sie haben die Theke rausgerissen und die Wände weiß gestrichen.
Ich gucke da immer kurz hin, aber ich bleibe nicht stehen, denn ich muss um acht Uhr im Büro sein. Bei einem Mann, der mich zehn Jahre lang am Telefon hatte und wusste, wer da eigentlich mit ihm spricht.

