Rom – Der Mann, der einst das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen mit organisierte, hat auch im Tod noch für einen Skandal gesorgt. Erich Priebke, der am 11. Oktober 2013 im Alter von 100 Jahren in Rom starb, ist nun an einem geheimen Ort beigesetzt worden.
Die italienischen Behörden beschlagnahmten den Sarg, nachdem es vor der Kirche zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Neonazis und Gegendemonstranten gekommen war. Der einstige SS-Hauptsturmführer, der für den Tod von 335 italienischen Zivilisten verantwortlich war, fand damit ein Ende, das so umstritten war wie sein Leben.
Die Geschichte von Erich Priebke beginnt am 29. Juli 1913 in Henningsdorf, damals Teil des Deutschen Kaiserreichs. Nach dem frühen Tod seiner Eltern wuchs er bei seinem Onkel auf.
Als junger Mann arbeitete er als Kellner in Berlin, später im Savoy Hotel in London und an der italienischen Riviera. Seine Sprachkenntnisse und seine spätere Mitgliedschaft in der NSDAP ab Juli 1933 sowie in der Gestapo ab Dezember 1936 sollten seinen Lebensweg entscheidend prägen. Im Jahr 1941 wurde der gelernte Kellner nach Rom versetzt, wo er unter dem SS-Sturmbannführer Herbert Kappler diente.
Der Wendepunkt in Priebkes Karriere kam im März 1944. Nach einem Partisanenanschlag in der Via Rasella, bei dem 33 deutsche Soldaten getötet wurden, ordnete die deutsche Führung eine brutale Vergeltungsmaßnahme an. Für jeden getöteten Deutschen sollten zehn Italiener erschossen werden.
Priebke half persönlich dabei, die Listen der zum Tode Verurteilten zusammenzustellen. Er durchsuchte Polizeiunterlagen, ordnete Festnahmen an und setzte Juden auf die Liste, nur weil sie Juden waren. Am 24.
März 1944 wurden die Gefangenen in die Ardeatinischen Höhlen am Stadtrand von Rom gebracht.
In den Höhlen wurden die Opfer in Gruppen zu je fünf Personen geführt und mussten sich hinknien. Dann fielen Schüsse in den Hinterkopf. Priebke betrat die Höhlen mit der zweiten oder dritten Gruppe und erschoss persönlich zwei Männer mit einer italienischen Maschinenpistole.
Die Leichen stapelten sich auf dem Boden, die nächsten Opfer mussten sich auf die Toten knien. Nach stundenlangen Morden sprengten die Täter die Eingänge. Insgesamt wurden 335 Menschen ermordet, fünf mehr als angeordnet.
Priebke hatte die zusätzlichen Gefangenen nicht bemerkt.
Nach der Befreiung Roms am 4. Juni 1944 wurden die Höhlen geöffnet. Die Ermittler fanden Leichen, die unter eingestürztem Gestein begraben waren, viele noch mit gefesselten Händen.
Das jüngste Opfer war 15 Jahre alt, das älteste 74. Unter den Ermordeten befanden sich 75 Juden. Doch Priebkes Verbrechen endeten nicht mit diesem Massaker.
Er war auch an den Ereignissen beteiligt, die zum Massaker von La Storta führten, bei dem 14 politische Gefangene erschossen wurden. Später wurde er Verbindungsoffizier in Brescia, wo er an Razzien und Verhören beteiligt war.
Nach dem Kriegsende 1945 wurde Priebke gefangen genommen, konnte aber 1946 fliehen. Mit Hilfe einer katholischen Fluchthilfe, die vom österreichischen Bischof Alois Hudal organisiert wurde, gelangte er unter falscher Identität nach Argentinien. Fast 50 Jahre lebte er dort unbehelligt in der Stadt Bariloche, arbeitete als Kellner und eröffnete später ein Feinkostgeschäft.
Erst 1994 spürte ein Reporterteam des US-Senders ABC News ihn auf. Vor laufender Kamera gab Priebke seine Beteiligung am Massaker zu, verteidigte sein Handeln aber mit dem Hinweis auf Befehle.
In einem späteren Interview mit der Zeitung La Repubblica zeigte Priebke keinerlei Reue. Er sagte: „Ja, in den Ardeatinischen Höhlen habe ich getötet. Ich habe geschossen.
Es war ein Befehl. Einmal, zweimal, dreimal. Ich erinnere mich nicht mehr genau.
Was macht das schon für einen Unterschied? Ich war Offizier und kein Buchhalter. “ Weiter behauptete er: „Wir haben fünf Männer zu viel erschossen.
Das war ein Fehler, aber sie waren ohnehin alle Terroristen, also hat es niemanden wirklich interessiert. “ Diese Aussagen sorgten weltweit für Entsetzen.
Nach langwierigen Gerichtsverfahren wurde Priebke 1996 nach Italien überstellt und wegen seiner Beteiligung am Massaker zu lebenslanger Haft verurteilt. Wegen seines hohen Alters verbüßte er die Strafe unter Hausarrest in Rom. Dort starb er am 11.
Oktober 2013 im Alter von 100 Jahren. Sein Wunsch, neben seiner Ehefrau in Argentinien beigesetzt zu werden, wurde abgelehnt. Auch das Bistum Rom untersagte jede Trauerfeier in katholischen Kirchen der Stadt.
Seine Heimatstadt in Deutschland verweigerte ebenfalls die Annahme seiner sterblichen Überreste, aus Angst vor einem Wallfahrtsort für Neonazis.
Die Familie Priebkes wandte sich daraufhin an die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X. , die sich bereit erklärte, den Trauergottesdienst in Albano bei Rom auszurichten.
Doch auch dieser Plan scheiterte. Vor der Kirche kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen faschistischen Sympathisanten und antifaschistischen Demonstranten. Die Familie konnte den Sarg nicht erreichen.
Die italienischen Behörden beschlagnahmten den Leichnam und bestatteten Priebke an einem geheim gehaltenen Ort in der Nähe von Rom. Bis heute ist die genaue Stelle unbekannt.
Der Fall Priebke bleibt ein dunkles Kapitel der deutsch-italienischen Geschichte. Er zeigt, wie ein Mann, der für eines der brutalsten Massaker des Zweiten Weltkriegs verantwortlich war, jahrzehntelang unbehelligt leben konnte. Seine letzte Ruhestätte ist nun geheim, um weitere Provokationen zu verhindern.
Doch die Erinnerung an die 335 Opfer in den Ardeatinischen Höhlen bleibt wach. Die italienische Regierung und viele Bürger fordern weiterhin eine umfassende Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Italien. Priebkes Tod hat die Debatte nicht beendet, sondern nur eine neue Dimension hinzugefügt.


