Kapitel 1 | Der Weg nach Osten – Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Kapitel 1 | Der Weg nach Osten - Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Die Stille über dem östlichen Polen in jener Nacht des 21. Juni 1941 war so tief, dass sie wie ein Vorbote des Untergangs wirkte, eine letzte Ruhe vor dem Sturm, der die Welt für immer verändern sollte. In den Aufzeichnungen des Martin Adler, eines jungen Soldaten aus Nürnberg, der heute als verschollen gilt, zeichnet sich das erschütternde Bild eines Feldzuges ab, der mit einer ungeheuren Wucht begann und dessen erste Stunden bereits die Saat für eine der größten Tragödien des 20. Jahrhunderts legten. Adler, der im Jahre 1922 geboren wurde und dessen Tagebuch nun erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, beschreibt eine Szenerie von beklemmender Schönheit und tödlicher Spannung, die sich am Ufer eines unbekannten Flusses abspielte. Die Wärme des Tages hing noch in der Erde, vermischte sich mit dem schweren Duft von zertretenem Gras, Pferdeschweiß und Maschinenöl, während die Männer in den Mulden und Senken des Geländes lagen, die Gewehre neben sich, die Tornister unter den Köpfen. Die Stille war so zerbrechlich wie eine dünne Eisschicht, und jedes Murmeln eines halblauten Gesprächs verstummte sogleich wieder, als hätte jeder Angst, diese Stille zu zerbrechen.

Neben Martin Adler lag Otto Granz, sein bester Freund, mit dem er jede Stunde der Ausbildung geteilt hatte, und kaute an einem Grashalm, während er in den klaren, kalten Sternenhimmel blickte. Granz bemerkte mit trockener Ruhe, dass es eine schöne Nacht sei, um unter freiem Himmel zu liegen, wenn man nur nicht daran denke, was der Morgen bringe. Adler antwortete nicht, denn er wusste keine Antwort, und so lagen sie schweigend nebeneinander, zwei junge Männer aus Franken, weit fort von allem, was sie kannten. Im Schatten der Birken stand Feldwebel Kurt Weiß, ein Mann von etwa vierzig Jahren, dessen Gesicht von Wind, Sonne und Dingen gezeichnet war, über die er niemals sprach. Er rauchte eine Zigarette, deren Glut er sorgfältig mit der hohlen Hand verdeckte, denn es war strengster Befehl ergangen, kein Licht zu zeigen, keine Bewegung, die jenseits des Flusses bemerkt werden konnte. Weiß hatte den Polenfeldzug und den Westen mitgemacht und war der einzige unter ihnen, der wusste, was es bedeutete, wenn die ersten Schüsse fielen.

Leutnant Becker, der Zugführer, ging mit leisen Schritten die Reihen entlang, beugte sich hier zu einem Mann herab, legte dort eine Hand auf eine Schulter, sein junges ernstes Gesicht verriet nichts von dem, was er dachte. Martin Adler lag im Gras und lauschte in die ungeheure Stille hinein, in der er, wenn er den Atem anhielt, das ferne Malen von Motoren zu hören glaubte, das Klirren von Ketten, das Schnauben von Pferden, das Wispern von Tausenden und Abertausenden, die in dieser Nacht wach lagen wie er. Über dem schwarzen Streifen des östlichen Himmels begann ein erstes fahles Grau zu zittern, als wollte der Morgen kommen, ehe die Nacht zu Ende gegangen war. Es muss kurz vor viertel nach drei Uhr am Morgen gewesen sein, als die Welt zerbrach. Adler erinnert sich nicht an einen Augenblick, sondern an ein ungeheures, allumfassendes Aufbrechen der Stille, als hätte der Himmel selbst sich gespalten.

Hinter ihnen, weit über die ganze Breite des Landes hinweg, soweit das Auge in der Dämmerung reichte, flammte der Horizont auf in einem grellen, zuckenden Licht. Im selben Atemzug, ehe der Klang sie erreichte, schoss eine Wand aus Feuer über ihre Köpfe hinweg nach Osten, ein Heulen und Pfeifen und Rauschen von tausend Geschossen zugleich, dass die Luft selbst zu zerreißen schien. Dann kam der Schall, ein Donner, der nicht aufhören wollte, der sich in den Boden fraß und durch Adlers Brustkorb hämmerte, sodass er das eigene Herz nicht mehr von dem Dröhnen der Erde unterscheiden konnte. Er presste das Gesicht in das feuchte Gras und spürte, wie der Boden unter ihm bebte, wie ein lebendiges Tier, das sich in Furcht zusammenzog. Otto neben ihm hatte den Helm tief ins Gesicht gezogen, und seine Lippen bewegten sich, doch Adler verstand kein Wort, denn das Toben der Artillerie verschlang jeden Laut.

Über ihnen zog der rote Schein der Mündungsfeuer wie ein flackerndes Morgenrot, das aus der falschen Richtung kam. Jenseits des Flusses, dort, wo Minuten zuvor noch undurchdringliche Finsternis gelegen hatte, brachen nun die Einschläge auf, Fontänen aus Erde und Rauch und Feuer, die sich aneinander reihten zu einer einzigen flammenden Mauer. Adler hob den Kopf gerade so weit, dass er über die Senke hinwegspähen konnte, und sah, wie das fremde Ufer in einem Meer aus Funken und Glut versank. Irgendwo dort drüben, das wusste er, lagen Menschen, die so eben noch geschlafen hatten, Männer wie sie, und der Gedanke streifte ihn nur flüchtig, ein kalter Hauch zwischen all dem Donnern. Feldwebel Weiß brüllte durch das Tosen, sie sollten bereitmachen, die Riemen prüfen, die Magazine, und seine Stimme war ruhig und hart wie geschliffener Stein. Allein der Klang dieser Stimme richtete sie auf, gab ihren zitternden Händen etwas, woran sie sich festhalten konnten.

Adler tastete nach seinem Karabiner, fühlte das kühle Metall, das vom Tau feucht geworden war, und repetierte das Schloss, wie er es hundertmal geübt hatte. Doch seine Finger waren so klamm, dass ihm der Griff beinahe entglitt. Der Beschuss währte eine Ewigkeit und war doch in Wahrheit nur kurz, vielleicht eine Viertelstunde, vielleicht weniger. Dann, so plötzlich wie er begonnen hatte, ebte das Trommelfeuer ab, verlor sich in einzelne vereinzelte Schläge, und in die Lücken zwischen den Detonationen drang ein neues Geräusch, das Adler das Blut in den Adern gerinnen ließ. Es war die furchtbare, klingelnde Stille danach, in der sein eigenes Atmen laut und fremd erschien und in der er das Wimmern eines Mannes hörte, der ein Stück weiter rechts in einer Mulde lag und immer denselben Namen rief, einen Namen, den er nicht kannte. Über dem östlichen Ufer hing nun eine schwarze Wolke aus Rauch und aufgewühlter Erde, durch die das erste fahle Licht des Tages sickerte.

In diesem trüben, schmutzigen Grau erhoben sich überall um Adler herum die Gestalten seiner Kameraden, gebückt, vorsichtig, mit weißen Gesichtern unter den Stahlhelmen. Leutnant Becker stand aufrecht am Rande des Birkenwaldes, die Pistole in der Hand, und gab das Zeichen, das sie alle gefürchtet und doch erwartet hatten. Sie erhoben sich aus dem nassen Gras, ein langer zögernder Zug von jungen Männern, und gingen vorwärts auf den Fluss zu, dem fremden Ufer und dem brennenden Morgen entgegen. Von jenem ersten Tag ist Adler nur ein Wirrwarr aus Bildern geblieben, die sich nicht zu einer ordentlichen Folge fügen wollen, denn die Zeit selbst schien ihre Ordnung verloren zu haben. Der Tag bestand aus einem unaufhörlichen Marschieren, Vorgehen und Warten in dem Staub und der Hitze und dem fernen malenden Lärm eines Krieges, der überall um sie tobte und den sie doch nur in Fetzen wahrnahmen.

Sie hatten den Fluss überschritten auf einer Behelfsbrücke aus Pontons, die die Pioniere in den frühen Stunden geschlagen hatten, und das fremde Ufer empfing sie mit verlassenen Stellungen, mit zerwühlter Erde und zerschlagenen Geschützen und mit den ersten Toten, die Adler in seinem Leben sah. Es waren gefallene Männer in einer fremden erdbraunen Uniform, die in unnatürlichen Haltungen zwischen den Trümmern ihrer Bunker lagen. Adler erinnert sich, dass er den Blick abwandte und zugleich nicht abwenden konnte, dass es ihm den Magen umdrehte und er dennoch weiterging, weil neben ihm die anderen weitergingen und weil das Vorwärtsgehen das einzige war, was sie noch zusammenhielt. Den ganzen langen Tag zogen sie nach Osten in eine Landschaft hinein, die flach und weit war und kein Ende zu haben schien. Durch Felder und über Sandwege, vorbei an brennenden Gehöften, deren Rauch sich schwarz und träge in den weißen Mittagshimmel schraubte, und die Sonne stand wie geschmolzenes Blei über ihnen und brannte ihnen die Nacken rot.

Der Staub der Marschkolonne legte sich in ihre Kehlen und in die Augen und in die Falten der Haut, bis sie alle gleich aussahen, graue Gespenster mit geröteten Lidern. Als der Abend kam und die Schatten der Bäume sich lang über die Felder legten, machten sie Halt am Rande eines Wäldchens. Feldwebel Weiß verteilte die Posten und befahl, keine Feuer zu entzünden, und sie warfen sich ins Gras, erschöpft bis ins Mark, mit Füßen, die in den Stiefeln brannten, und mit einem Hunger, der Adler den Leib zusammenzog, obwohl er kaum die Kraft fand, das harte Kommissbrot und das Stück kalter Wurst zu kauen. Otto saß neben ihm, den Rücken an einen Baumstamm gelehnt, und er sagte lange nichts, und auch Adler sagte nichts, und sie blickten beide in den Himmel, an dem das Licht erlosch und an dem nach und nach die Sterne erschienen. Es waren dieselben Sterne, die in dieser Nacht auch über Nürnberg standen, über dem Haus seiner Eltern in der Gostenhofer Gasse, und der Gedanke an die Heimat traf Adler mit solcher Wucht, dass er die Augen schließen musste und die Tränen niederkämpfte, denn er schämte sich vor den anderen, obwohl die anderen, das wusste er, in diesem Augenblick gewiss dasselbe fühlten.

Die Nacht war nicht still wie die letzte vor dem Angriff, sondern erfüllt von einem unaufhörlichen fernen Grollen, das vom Osten herüberkam und nicht enden wollte, einem Wetterleuchten am Horizont, das kein Gewitter war. Dazwischen hörte man das Ratschen von Maschinengewehren irgendwo in der Dunkelheit, das man nicht zuordnen konnte, und das gelegentliche Heulen einer Granate, die niemand kommen sah. Adler lag wach, obwohl sein Körper nach Schlaf schrie, und lauschte in die fremde Finsternis, in der unbekannte Vögel oder vielleicht auch keine Vögel riefen. Er spürte zum ersten Mal in voller Klarheit, dass er sich in einem Land befand, das sie hasste und das sie verschlingen wollte, und dass jeder Schritt, den sie nach Osten taten, ein Schritt fort von allem war, was ihn am Leben hielt. Gegen Morgen muss er doch eingeschlafen sein, denn Otto rüttelte ihn, als das erste Grau im Osten heraufzog, und er erwachte mit steifen Gliedern und einem Frösteln, das nicht von der Kühle des Morgens kam, sondern aus etwas tiefer im Inneren, einer Ahnung von all dem, was noch kommen sollte.

Am dritten Tage erreichten sie den Fluss, dessen Namen Adler später erfuhr und doch wieder vergaß, einen breiten, trägen Strom, der sich in weiten Schleifen durch ein flaches Tal zog. An seinem östlichen Ufer stand eine hölzerne Brücke, die einzige weit und breit, und an dieser Brücke, so hieß es, hänge der weitere Vormarsch der ganzen Division, denn ohne sie kämen die Geschütze und die Trosse und die Fahrzeuge nicht hinüber. Sie wurden im Morgengrauen vorgeschickt, Adlers Zug und zwei weitere, mit dem Befehl, den Übergang zu nehmen, ehe der Feind ihn sprengen konnte. Adler erinnert sich an die Spannung, die in ihnen allen lag, als sie sich durch das hohe Schilf am Ufer vorarbeiteten, gebückt mit angehaltenem Atem, während der Morgennebel noch dick und milchig über dem Wasser hing und alles in ein gespenstisches, konturloses Grau tauchte. Erich Vogt schleppte das Maschinengewehr und Karl Hoffmann, ihr Funker, kroch dicht hinter dem Leutnant her, das schwere Gerät auf dem Rücken.

Feldwebel Weiß bewegte sich vor ihnen durch das Schilf so lautlos, wie es ein so großer Mann nur vermochte, und gab ihnen mit knappen Handzeichen die Richtung. Adler spürte das kalte Wasser durch die Stiefelnähte sickern, roch den fauligen Schlamm und das modrige Schilf, und sein Herz schlug ihm bis zum Halse, denn jeden Augenblick erwartete er das Aufzucken eines Schusses aus dem Nebel. Und dann brach die Hölle los, als sie kaum dreißig Meter von den Brückenpfeilern entfernt waren. Aus einem Erdbunker am jenseitigen Ufer ratterte ein feindliches Maschinengewehr los, und die Garben fegten über das Wasser und durch das Schilf. Adler warf sich in den Schlamm, das Gesicht in den faulen Morast, und über ihm pfiff und klatschte es, und er hörte einen Mann schreien, einen jungen Burschen aus dem zweiten Zug, dessen Namen er nie erfahren hat und der nun reglos im Wasser trieb, die Arme weit von sich gestreckt.

Vogt hatte das Maschinengewehr in Stellung gebracht und hämmerte hinüber zum Bunker, und das Mündungsfeuer riss grell durch den Nebel. Leutnant Becker brüllte Befehle, die Adler kaum verstand, und irgendwie, er vermag bis heute nicht zu sagen, wie, kamen sie vorwärts, sprangen von Deckung zu Deckung, näherten sich dem Brückenkopf, während der Nebel sich langsam hob und die Sonne als blasse Scheibe durch den Dunst zu dringen begann. Otto war dicht neben ihm, und einmal sah Adler sein Gesicht ganz nahe, weiß und verzerrt, und in seinen Augen lag dieselbe blanke Angst, die auch in ihm wütete, und doch riss er ihn am Riemen weiter vorwärts, als Adler für einen Moment erstarrt liegen blieb. Sie nahmen die Brücke an jenem Morgen, und Adler kann nicht sagen, dass er sie genommen hätte, denn was er tat, war kaum mehr als ein Vorwärtskriechen und ein blindes Abdrücken seines Karabiners in die Richtung, in die alle schossen. Doch als der Lärm verebbte und der Nebel sich ganz verzogen hatte, lag der Bunker still, und über den Holzbohlen der Brücke hing der beißende Geruch von Pulver und verbranntem Holz, und das Wasser darunter zog rot gefärbt vorüber.

Sie hatten vier Mann verloren, und Josef Lindener, der Sanitäter, kniete bei einem Verwundeten, der mit beiden Händen seinen Leib hielt und leise und unaufhörlich nach seiner Mutter rief. Adler stand abseits und sah hinüber zum jenseitigen Ufer, zu dem Land, das sich nun vor ihnen auftat, endlos und fremd und still. Er begriff mit einer Klarheit, die ihn frösteln ließ, dass dies erst der Anfang war, dass hinter diesem Fluss ein zweiter Fluss lag und hinter jenem ein dritter und dass der Weg nach Osten kein Ende kannte. Feldwebel Weiß legte ihm im Vorübergehen die schwere Hand auf die Schulter und sagte kein Wort, und in dieser stummen Geste lag mehr Trost, als jede Rede ihn hätte spenden können. In seinen Aufzeichnungen vom 24. Juni 1941 schreibt Martin Adler: Ich schreibe diese Zeilen bei dem letzten Licht des Tages, den Rücken an einen Baumstamm gelehnt, und meine Hand zittert noch immer so, dass die Buchstaben kaum zu lesen sind. Drei Tage erst sind vergangen, seit wir über die Grenze gingen, und mir ist, als läge ein ganzes Leben dazwischen.

Der Junge, der vor drei Tagen im Gras lag und in die Sterne sah, ist nicht mehr derselbe, der heute diese Worte schreibt, und ich weiß nicht, ob ich ihn jemals wiederfinden werde. Heute morgen an der Brücke habe ich Dinge gesehen, von denen ich niemandem zu Hause werde berichten können, und ich habe Dinge getan, über die ich nicht nachzudenken wage, denn ich fürchte, dass das Nachdenken mich zerbrechen würde. Vier von uns sind heute gefallen, ich kannte ihre Namen nicht alle, und das ist vielleicht das Schlimmste, dass ein Mensch stirbt und man nicht einmal seinen Namen weiß. Otto hat mich vorwärts gezogen, als ich nicht mehr konnte, und ich glaube, ohne ihn läge ich jetzt selbst im Schilf. Feldwebel Weiß hat mir die Hand auf die Schulter gelegt, und ich war ihm dankbarer dafür als für irgendetwas seit langer Zeit. Ich denke an Vater und Mutter, an die enge Gasse zu Hause, an den Geruch der Backstube am Morgen, es kommt mir vor wie ein Traum aus einem anderen Leben. Hier gibt es nur Staub und Hitze und dieses endlose Land, das uns nicht haben will. Wie weit ist Moskau? Niemand sagt es uns. Ich bin so müde.