Der Frühling des Jahres 1940 begann mit einer Gewissheit, die binnen weniger Wochen in Staub zerfiel. Frankreich, dessen Armee als die stärkste der Welt galt, erlag einem Angriff, dessen Tempo und Wucht alle militärischen Prognosen über den Haufen warfen. Die französische Verteidigung, gestützt auf die gewaltigen Betonfestungen der Maginot-Linie und Millionen ausgebildeter Soldaten, schien uneinnehmbar. Doch sechs Wochen nach dem ersten deutschen Vorstoß war Frankreich besiegt, die britischen Truppen vom Kontinent vertrieben und ganz Europa stand unter dem Eindruck eines Feldzugs, der die Grundfesten der damaligen Kriegskunst erschütterte.
Der Begriff Blitzkrieg, der später für diesen Sieg geprägt wurde, verdeckt mehr als er erklärt. Eine genaue Analyse zeigt, dass der deutsche Erfolg nicht auf einem einzelnen Wundermittel beruhte, sondern auf dem präzisen Zusammenwirken dreier entscheidender Elemente. Das erste war ein kühner operativer Entwurf, der den Hauptstoß an eine völlig unerwartete Stelle verlegte. Das zweite war die Konzentration der entscheidenden Kräfte an einem einzigen Punkt, dem sogenannten Schwerpunkt. Das dritte war ein Führungsprinzip, die Auftragstaktik, das den Kommandeuren vor Ort weitreichende Entscheidungsfreiheit ließ.
Die Planung für den Angriff im Westen begann im Herbst 1939 mit einem Entwurf namens Fall Gelb, der einen Hauptstoß durch das nördliche Belgien und die Niederlande vorsah. Dieser Plan war im Kern eine abgeschwächte Wiederholung des Schlieffenplans aus dem Ersten Weltkrieg. Innerhalb der deutschen Generalität stieß dieser Entwurf auf wachsende Skepsis, denn er versprach einen Frontalstoß gegen die stärksten Kräfte der Alliierten, die genau in Belgien erwartet wurden. Ein solcher Angriff hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit zu schweren, langwierigen Kämpfen geführt.
Die entscheidende Wende brachte Generalleutnant Erich von Manstein, damals Stabschef der Heeresgruppe A. Manstein erkannte die Schwäche der alliierten Aufstellung und entwickelte einen kühnen Gegenentwurf. Seine Überlegung war einfach und folgenreich zugleich: Wenn der Gegner den Hauptangriff im Norden erwartete und seine besten Truppen dorthin verlegte, dann musste der wirkliche Stoß dort geführt werden, wo niemand ihn vermutete. Manstein richtete den Blick auf die Ardennen, ein dicht bewaldetes, hügeliges Gelände, das die französische Führung für große Panzerverbände als praktisch unpassierbar einstufte.
Genau diese Annahme machte das Gebiet aus deutscher Sicht so wertvoll. Mansteins Konzept, das später unter dem Namen Sichelschnitt bekannt wurde, sah vor, die Masse der Panzerkräfte durch die Ardennen zu führen, an der Maas durchzubrechen und anschließend in einem weiten Bogen nach Westen zur Kanalküste vorzustoßen. Auf diese Weise sollten die nach Belgien vorrückenden alliierten Armeen von rückwärts abgeschnitten und in einem großen Kessel eingeschlossen werden. Die Stärke dieses Gedankens lag in der Wahl des Schwerpunkts, der genau an der Naht zwischen zwei Teilen der alliierten Aufstellung lag.
Die praktische Umsetzung dieses Plans erforderte eine Truppe, die auf höchste Beweglichkeit und Eigeninitiative ausgerichtet war. Hier kam die Entwicklung der deutschen Panzerwaffe in den Jahren vor dem Krieg zum Tragen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war es dem Deutschen Heer durch die Bestimmungen des Versailler Vertrags untersagt, Panzer zu besitzen. Eine Gruppe von Offizieren, unter ihnen Heinz Guderian, verfolgte die Erkenntnis, dass der Panzer nicht als bloße Stützwaffe der Infanterie zu verstehen sei, sondern als selbständiges, beweglich geführtes Mittel des operativen Durchbruchs.
Guderian fasste diese Überlegungen im Jahr 1937 in seiner Schrift Achtung Panzer zusammen und warb für die Zusammenfassung der Panzer in eigenständigen Divisionen. Im Jahr 1935 wurden die ersten drei Panzerdivisionen aufgestellt, und in den folgenden Jahren entstand jene Verbindung aus Panzern, motorisierter Infanterie und beweglicher Artillerie, die den Kern der späteren Erfolge bilden sollte. Der Feldzug gegen Polen im Jahr 1939 diente als erste große Bewährungsprobe, die viele Annahmen bestätigte, aber auch Schwächen offenbarte, die in den Monaten bis zum Westfeldzug gezielt behoben wurden.
Die Vorbereitung des Westfeldzugs folgte einer klaren Logik. Den Kern des Angriffsverbandes bildete die Panzergruppe Kleist, in deren Zentrum das 19. Armeekorps unter Guderian stand, bestehend aus der ersten, der zweiten und der zehnten Panzerdivision sowie dem verstärkenden Regiment Großdeutschland. Diese Ballung gepanzerter Kräfte an einem einzigen Punkt war kein Zufall, sondern die unmittelbare Anwendung des Schwerpunktgedankens. Gleichzeitig wurde die Verlegung dieser Verbände in die Aufmarschräume mit großer Sorgfalt verschleiert, um dem Gegner kein klares Bild zu liefern.
Im Norden täuschten andere Verbände der Wehrmacht einen kraftvollen Hauptangriff vor, der die Aufmerksamkeit und die besten beweglichen Reserven der Alliierten genau dorthin zog, wo Manstein sie haben wollte. Zu diesem Täuschungsbild trug auch der Einsatz der Fallschirmjäger bei, deren Landungen im Norden den Eindruck verstärkten, dort werde der entscheidende Schlag geführt. Während die alliierten Generäle ihre Verbände nach Norden lenkten, sammelte sich die eigentliche Stoßkraft still und konzentriert vor den Ardennen.
Die französische Militärdoktrin jener Zeit war stark von den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs geprägt und setzte auf eine methodische, sorgfältig vorbereitete Schlacht mit fester Front und starker Feuerunterstützung. Schnelligkeit und tiefe eigenständige Vorstöße fügten sich nicht in dieses Denken. Die Aufklärung lieferte zwar Hinweise auf Bewegungen in Richtung der Ardennen, doch diese Meldungen passten nicht in das vorgefasste Bild und wurden in ihrer Bedeutung unterschätzt. Hinzu kam die feste Überzeugung von der Unpassierbarkeit jener Wälder.
Am 10. Mai 1940 setzte sich die deutsche Angriffsmaschinerie in Bewegung. Während im Norden der vorgetäuschte Hauptangriff die alliierten Verbände nach Belgien lockte, schoben sich die Panzerdivisionen der Panzergruppe Kleist in die engen Täler der Ardennen. Hier zeigte sich sofort, dass das schwierigste Hindernis nicht der Feind war, sondern das Gelände selbst. Auf den schmalen, gewundenen Waldstraßen stauten sich tausende von Fahrzeugen zu Kolonnen, die sich über mehr als hundert Kilometer in die Tiefe erstreckten.
Ein einziger blockierter Übergang, eine gesprengte Brücke oder ein entschlossener Hinterhalt hätten genügt, um das gesamte Vorhaben ins Stocken zu bringen. Doch die französische Verteidigung in diesem Raum war dünn, schlecht koordiniert und auf einen solchen Vorstoß nicht eingestellt. Die deutschen Vorausabteilungen, in denen Aufklärungseinheiten und Motorradschützen eine zentrale Rolle spielten, drängten unaufhörlich nach vorn, beseitigten Sperren und hielten die Bewegung in Gang. Was die französische Führung für eine natürliche Barriere von mehreren Tagen gehalten hatte, durchquerten Guderians Verbände in weit kürzerer Zeit.
Das Tempo dieses Vormarsches war nur möglich, weil die einzelnen Waffengattungen eng und eingespielt zusammenwirkten. Die Panzerdivisionen jener Zeit waren keine reinen Panzerverbände, sondern bewegliche Kampfgemeinschaften aus Panzern, motorisierter Infanterie, Artillerie, Pionieren und Aufklärung. Diese Mischung erlaubte es, auf nahezu jede Lage sofort zu reagieren, ohne auf Verstärkung warten zu müssen. Eine besondere Bedeutung kam dabei der Luftwaffe zu, vor allem den Sturzkampfflugzeugen vom Typ Junkers 87, die unter dem Namen Stuka bekannt wurden.
Diese Maschinen wirkten als fliegende Artillerie und konnten auf Anforderung der vorderen Verbände gezielt feindliche Stellungen, Geschütze und Truppenansammlungen angreifen. Ihre Wirkung war nicht allein materieller Natur. Das heulende Geräusch der Sturzflüge und die Plötzlichkeit der Angriffe entfalteten eine erhebliche psychologische Wirkung auf Truppen, die einem solchen Vorgehen nicht gewachsen waren. Geschwindigkeit am Boden und Schlagkraft aus der Luft verstärkten sich auf diese Weise gegenseitig.
Der entscheidende Augenblick des gesamten Feldzugs nahte mit dem Erreichen der Maas. Am 13. Mai stand Guderians Korps vor dem Fluss bei Sedan, einem Ort, dessen Name in der französischen Geschichte bereits schwer belastet war. Die Maas bildete hier ein natürliches Hindernis, hinter dem sich die französische Verteidigung befand. Der Übergang über einen verteidigten Fluss gilt in der Kriegskunst als eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt, denn der Angreifer muss ungeschützt das Wasser überwinden, während der Verteidiger aus vorbereiteten Stellungen feuert.
Die deutsche Lösung bestand in einer sorgfältig abgestimmten Konzentration von Feuerkraft. Stundenlang griffen Wellen von Sturzkampfflugzeugen die französischen Stellungen am Westufer an, unterstützt durch die Artillerie und das direkte Feuer der Panzer und schweren Waffen. Dieses anhaltende Feuer zielte weniger darauf, die Verteidiger vollständig zu vernichten, als vielmehr darauf, sie niederzuhalten und in ihrer Handlungsfähigkeit zu lähmen. Unter dem Schutz dieses Feuers begannen die Sturmgruppen der Infanterie mit Schlauchbooten den Fluss zu überqueren.
Der Zusammenbruch der französischen Verteidigung bei Sedan vollzog sich mit einer Schnelligkeit, die selbst auf deutscher Seite kaum erwartet worden war. Die Stellungen am Westufer der Maas wurden zu einem erheblichen Teil von Verbänden gehalten, die aus älteren Reservisten bestanden und nur unzureichend ausgebildet sowie schwach ausgerüstet waren. Diese Truppen waren der Wucht des konzentrierten Luft- und Artilleriefeuers psychologisch nicht gewachsen. Über viele Stunden hinweg flogen die Verbände der Luftwaffe Hunderte von Einzelangriffen gegen die französischen Stellungen.
Als sich in den französischen Reihen das Gerücht verbreitete, deutsche Panzer hätten den Fluss bereits überschritten, brach an mehreren Stellen eine Panik aus, die ganze Einheiten erfasste und in ungeordneter Flucht enden ließ, noch bevor der eigentliche Kampf um ihre Stellungen begonnen hatte. Dieser frühe Zusammenbruch der Moral an einem entscheidenden Punkt erklärt einen wesentlichen Teil des deutschen Erfolgs bei Sedan. Er verdeutlicht zugleich, dass im modernen Bewegungskrieg die Wirkung auf den Willen des Gegners ebenso bedeutsam sein konnte wie die rein materielle Vernichtung seiner Kräfte.
Während die Sturmgruppen der Wehrmacht den errungenen Vorteil sofort ausnutzten und ihre Brückenköpfe verbreiterten, fehlte der französischen Führung die Zeit und die Übersicht, um die zerfallende Lage noch einmal zu stabilisieren. Der Übergang bei Sedan wurde zu einem Lehrstück für das Zusammenwirken von Mut, Ausbildung und Initiative. Einzelne Sturmtrupps arbeiteten sich unter feindlichem Feuer an die Bunker und Stellungen am Westufer heran und schalteten sie im Nahkampf aus. Sobald die ersten Brückenköpfe gebildet waren, begannen die Pioniere unter schwierigsten Bedingungen mit dem Bau von Übergängen für die Panzer.

Hier zeigte sich die Auftragstaktik in ihrer reinsten Form. Die Lage änderte sich von Stunde zu Stunde, und es war unmöglich, jede Einzelheit von oben zu steuern. Stattdessen trafen Bataillons- und Kompanieführer ihre Entscheidungen selbst, nutzten jede sich bietende Lücke und trieben den Übergang voran, ohne auf ausdrückliche Befehle zu warten. Guderian selbst hielt sich in vorderster Linie auf und koordinierte den Übergang unmittelbar vor Ort, ein Umstand, der die Bedeutung persönlicher Führung in der deutschen Auffassung verdeutlicht.
Während sich bei Sedan die Entscheidung anbahnte, vollzog sich weiter nördlich ein zweites Beispiel desselben Prinzips. Die siebte Panzerdivision unter Generalmajor Erwin Rommel überquerte die Maas bei Dinant mit vergleichbarer Schnelligkeit und Entschlossenheit. Rommels Verband bewegte sich so rasch und unvorhersehbar, dass er bald den Beinamen Gespensterdivision erhielt, weil oft selbst die eigene vorgesetzte Führung nicht genau wusste, wo er sich gerade befand. Rommel verkörperte jenen Führungsstil, der auf ständige Bewegung, persönliche Anwesenheit an der Front und schnelle Entscheidungen setzte.
Die beiden Durchbrüche bei Sedan und bei Dinant zeigten dasselbe Muster: konzentrierte Feuerkraft, rasches Übersetzen, sofortiges Ausnutzen des Erfolgs und ein unaufhörliches Drängen nach vorn, das dem Gegner keine Zeit zur Erholung ließ. Die französische Seite war keineswegs untätig, doch ihre Gegenmaßnahmen kamen zu spät und blieben unkoordiniert. Versuche, den deutschen Brückenkopf durch Gegenangriffe zu zerschlagen, scheiterten letztlich an mehreren Faktoren zugleich.
Die französischen Verbände litten unter einer schwerfälligen Befehlsstruktur, in der Entscheidungen langsam getroffen und Befehle umständlich weitergegeben wurden. Die Funkverbindungen waren unzureichend, sodass die Koordination zwischen verschiedenen Einheiten oft zusammenbrach. Vor allem aber fehlte ein einheitliches, energisches Kommando, das die verfügbaren Reserven rasch und an der richtigen Stelle zusammengefasst hätte. Während die deutschen Kommandeure auf jeder Ebene eigenständig handelten und Gelegenheiten sofort ergriffen, warteten ihre französischen Gegenüber häufig auf Anweisungen.
Mit dem gelungenen Übergang über die Maas stellte sich für die deutsche Führung eine grundlegende Entscheidung. Vor den Panzerdivisionen lag der Weg nach Westen offen, doch ihre Flanken waren über große Entfernungen ungeschützt, weil die langsamere Infanterie weit zurücklag. Die vorsichtige Lösung hätte darin bestanden, am Brückenkopf zu warten, bis die Fußtruppen aufgeschlossen und die Flanken gesichert hatten. Guderian und Rommel entschieden sich jedoch, den Vorstoß ohne Pause fortzusetzen und das Tempo als wichtigste Waffe zu begreifen.
Der Gedanke dahinter war, dass ein Gegner, der ständig in Bewegung gehalten und an der Neuordnung gehindert wird, seine offenen Flanken gar nicht ausnutzen kann. Diese Entscheidung war ein klassisches Beispiel für die Auftragstaktik auf operativer Ebene, denn die vorderen Kommandeure handelten im Sinne der übergeordneten Absicht und trieben den Vorstoß voran, obwohl die höhere Führung zeitweise zum Anhalten neigte. Was nun folgte, ging als der sogenannte Lauf zum Meer in die Geschichte ein.
Die Panzerverbände der Wehrmacht stießen in raschen Märschen nach Westen vor in Richtung der Kanalküste. Tag für Tag legten sie weite Strecken zurück, durchbrachen schwache Widerstandslinien und ließen befestigte Punkte, die sich nicht sofort nehmen ließen, einfach hinter sich, um die Bewegung nicht zu verlieren. Am 20. Mai erreichten die vordersten Einheiten bei Abbeville die Mündung der Somme und damit den Ärmelkanal. In diesem Augenblick war eine strategische Katastrophe für die Alliierten Wirklichkeit geworden.
Die stärksten und beweglichsten Verbände der Alliierten, das britische Expeditionskorps sowie die besten französischen Armeen, standen weit im Norden in Belgien, wohin sie dem vorgetäuschten Hauptangriff gefolgt waren. Durch den Vorstoß bis zur Küste war diese gesamte Nordgruppe nun von ihren Nachschublinien und vom übrigen Frankreich abgeschnitten. Ein einziger tief geführter Stoß hatte die alliierte Front in zwei Teile zerrissen. Damit war die klassische Form der Kesselschlacht entstanden, jene Einschließung, auf die deutsche operative Denkweise seit jeher ausgerichtet war.
Der entscheidende Faktor bei der Bildung dieses Kessels war erneut die Geschwindigkeit. Der Gegner war physisch nicht in der Lage, sich rasch genug umzugruppieren, um die nach Westen vorstoßende deutsche Lanze abzuschneiden oder ihr auszuweichen. Während die Verbände der Wehrmacht sich auf der Karte unaufhörlich nach vorn schoben, kämpften die alliierten Stäbe vergeblich darum, ein Bild der Lage zu gewinnen, das mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Eine wichtige Rolle spielte dabei der ausgiebige Gebrauch des Funkverkehrs auf deutscher Seite.
Da nahezu alle Panzer und Befehlsfahrzeuge mit Funkgeräten ausgestattet waren, konnten Bewegungen schnell aufeinander abgestimmt, Gelegenheiten sofort gemeldet und Vorausabteilungen flexibel gelenkt werden. Diese Fähigkeit zur raschen Abstimmung über große Entfernungen hinweg verlieh den deutschen Verbänden eine Beweglichkeit, der die schwerfälligere gegnerische Führung nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte. Die alliierte Seite blieb jedoch nicht gänzlich ohne Gegenwehr, und an einigen Stellen kam es zu Versuchen, den schmalen deutschen Vorstoßkeil in seiner verwundbaren Flanke zu treffen.
Der bekannteste dieser Versuche ereignete sich am 21. Mai bei Arras, wo britische und französische Verbände mit verhältnismäßig schweren Panzern einen Gegenangriff gegen die deutschen Flanken führten. Für kurze Zeit lösten diese Panzer auf deutscher Seite ernste Beunruhigung aus, da ihre Panzerung dem Feuer mancher deutscher Panzerabwehrwaffen widerstand. Der Vorstoß wurde schließlich abgewehrt, doch er zeigte, welche Wirkung ein rechtzeitig und entschlossen geführter Gegenangriff hätte entfalten können, wäre er in größerem Umfang und besser koordiniert erfolgt.
Genau daran aber fehlte es der alliierten Führung. Die einzelnen Gegenstöße blieben örtlich begrenzt, schlecht aufeinander abgestimmt und kamen stets zu spät, um den deutschen Vorstoß in seiner Tiefe wirklich zu gefährden. Während die eingeschlossene Nordgruppe gegen die Küste gedrängt wurde, entwickelte sich um den Hafen von Dünkirchen herum eine letzte Verteidigungsstellung, von der aus in den folgenden Tagen ein erheblicher Teil der britischen und französischen Truppen über den Kanal evakuiert werden konnte. Die Rettung dieser Soldaten änderte nichts an der bereits gefallenen Entscheidung des Feldzugs.
Die alliierte Führung blieb in dieser Lage weitgehend handlungsunfähig, und die Gründe dafür lagen tiefer als im bloßen Versagen einzelner Personen. Das französische Oberkommando war auf eine Schlacht eingerichtet, die sich in geordneten Bahnen und mit überschaubarem Tempo entwickelte. Der plötzliche tiefe Einbruch sprengte diesen Rahmen vollständig. Entscheidungen wurden auf der Grundlage von Lagebildern getroffen, die bereits überholt waren, sobald sie die höheren Stäbe erreichten. Mobile Reserven, die einen solchen Durchbruch hätten auffangen können, standen nicht in ausreichender Zahl an der richtigen Stelle bereit.
Die weitere Entwicklung folgte als logische Fortsetzung. Nachdem die eingeschlossene Nordgruppe weitgehend ausgeschaltet oder über den Kanal abgedrängt worden war, richtete sich der deutsche Angriff im Rahmen der Operation Fall Rot gegen den verbliebenen französischen Widerstand im Süden. Doch die Entscheidung des Feldzugs war im Grunde bereits in jenen Maitagen gefallen, in denen der Sichelschnitt seine volle Wirkung entfaltete. Innerhalb von etwa sechs Wochen war ein Feldzug abgeschlossen, den kaum jemand in dieser Form und in diesem Tempo für möglich gehalten hatte.
Frankreich, das wenige Wochen zuvor als militärische Großmacht mit einer der stärksten Armeen der Welt gegolten hatte, war besiegt. Drei Elemente hatten in ihrem Zusammenwirken diesen Ausgang ermöglicht. Das erste war der kühne operative Entwurf, der Sichelschnitt, mit der bewussten Wahl des Schwerpunkts in den als unpassierbar geltenden Ardennen. Das zweite war die konsequente Umsetzung der Auftragstaktik, jenes Vertrauens in die Initiative und das Urteilsvermögen der Kommandeure vor Ort, das eine außergewöhnliche Geschwindigkeit der Entscheidungen erlaubte.
Das dritte war das enge Zusammenwirken der Waffengattungen, das reibungslose Ineinandergreifen von Panzern, Infanterie, Pionieren, Artillerie und Luftwaffe sowie die hohe Ausbildung der Besatzungen der Panzerdivisionen, die diese Verfahren erst mit Leben füllte. Keines dieser Elemente hätte für sich allein genügt. Doch in ihrer Verbindung entfalteten sie eine Wirkung, die weit über die Summe der einzelnen Teile hinausging. Der Westfeldzug wurde in der Folge zu einem der am gründlichsten untersuchten Beispiele der modernen Kriegsgeschichte.
Die Frage, wie der Gedanke der konzentrierten beweglichen Kräfte, der eigenständigen Führung und des schnellen Entscheidungszyklus die Entwicklung der Kriegskunst im 20. Jahrhundert prägte, beschäftigt Militärhistoriker und Stäbe bis in die Gegenwart. Zugleich verdeutlicht dieser Feldzug eine Einsicht, die über alle technischen Einzelheiten hinausreicht. Letztlich entschieden nicht allein die Maschinen über den Ausgang, sondern die Menschen, die sie führten, und die Art und Weise, wie Entscheidungen getroffen und umgesetzt wurden.
Geschwindigkeit, Initiative und das Zusammenwirken vieler einzelner an der richtigen Stelle erwiesen sich als ebenso bedeutsam wie Stahl und Feuerkraft. Eben darin liegt der bleibende Wert dieses Beispiels für jede ernsthafte Beschäftigung mit der Geschichte der Kriegführung. Denn es zeigt, dass die wirksamste Methode stets jene ist, die das Denken des Gegners überholt, bevor seine Mittel überhaupt zur Geltung kommen. Der Westfeldzug von 1940 war damit im Kern eine Geschichte über Taktik, über Tempo und über das menschliche Können unter den Bedingungen des Krieges.


