Ich stand da am Garagentor und schrie mir die Lunge aus dem Hals. Die ganze Strasse konnte uns hören. Wir suchten drei Mädchen, irgendwo bei einer Siedlung, die niemand kannte. Sie hatten gesagt,…

Ich stand da am Garagentor und schrie mir die Lunge aus dem Hals. Die ganze Strasse konnte uns hören. Wir suchten drei Mädchen, irgendwo bei einer Siedlung, die niemand kannte. Sie hatten gesagt,...

Ich stand da am Garagentor und schrie mir die Lunge aus dem Hals. Die ganze Strasse konnte uns hören. Wir suchten diese drei Mädchen, irgendwo bei einer Siedlung, die niemand kannte. Sie hatten uns gesagt, sie seien bei «Kalina Malina», und ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wo das sein sollte.

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Also lief ich die Strasse runter und fluchte lauter als nötig. Neben mir lachte meine Freundin schon so hysterisch, dass sie kaum noch Luft bekam. Die Leute schauten uns an, ein paar fragten sogar, ob man uns helfen könne. Ich konnte nicht mehr.

Ich hatte keine Stimme mehr, keine Kraft, nichts. Wir waren zwei Tage hintereinander zwanzigtausend Schritte gelaufen, und meine Beine waren längst nicht mehr meine eigenen. Es hatte alles viel früher angefangen, eigentlich schon am Vortag. Die ganze Sache mit den Mädchen, mit dem Treffen, mit dem ganzen Hin und Her.

Wir hatten uns angemeldet, wir hatten zugesagt, und dann kam immer irgendetwas dazwischen. Ich schrieb ihr, dass ich jetzt losgehen müsse. Sie schrieb zurück: «Moment, mein Vater fragt mich grad das Einmaleins ab. » Drei mal drei.

Sie wusste nicht, was drei mal drei ist. Ich fragte sie am selben Tag noch: «Wie viel ist sieben mal sieben? » Sie sagte: «Achtunddreissig. » Ich sagte: «Siebenundvierzig.

» Sie sagte: «Nein. » Ich sagte: «Doch. » Und ich dachte mir nur: Wie kann man mit über fünfzig Jahren nicht wissen, was sieben mal sieben ist? Aber so war ich auch.

Ich konnte mir keine einzige Sache merken. Wenn mich jemand fragte, was ich essen wolle, sagte ich: «Du weisst schon, diese Sache. Die gelbe, diese Süssigkeit. » Und dann meinte ich einen Schokoriegel.

Einmal versuchte ich einer Freundin zu erklären, dass im Kühlschrank eine Wassermelone liege. Ich sagte: «Da ist so ein Leckerli, weisst du? So ein Ding, das man aufschneidet, das ist süss, das ist rot drin. » Sie schaute mich nur an.

Ich sagte: «Na ja, du weisst schon, so eine grosse Frucht. » Es dauerte ewig, bis ich auf den Namen kam. Und wenn mein Vater mich anrief und fragte, wo ich sei, sagte ich: «Ich bin an dieser Haltestelle, du weisst schon, die da, ich weiss nicht, wie die heisst. » Er wurde dann immer laut und sagte, ich sei dumm, ich müsse doch endlich lernen, wie die Dinge heissen.

Aber ich konnte es einfach nicht. Meine Mutter war die Einzige, die mich nicht dafür fertig machte. Sie wusste von meinem Problem. Mein Vater dagegen wäre ausgeflippt, wenn er wüsste, wie ich wirklich rede.

Bei ihm ist schon das Wort «Kacka» ein Schimpfwort. Wenn er hören würde, wie ich meine Freundinnen anschreie, würde er mich wahrscheinlich enterben. Das mit dem Schweizerdeutsch und dem Fluchen hatte eine Vorgeschichte. Am Tag davor war meine Grossmutter angekommen.

Sie hatte schwere Taschen dabei, und ich musste runtergehen, um ihr den Hauseingang zu öffnen. Ich zog mich an, und meine Freundin Vika sagte: «Warte, ich komme mit. » Ich sagte: «Nein, ich warte nicht, sie steht schon unten. » Ich stieg in den Aufzug, drückte den Knopf, und im letzten Moment quetschte sich Vika auch noch rein.

Sie stand direkt neben der Knopfleiste und fing an, wild auf den Knopf zu drücken. Der Aufzug schloss die Tür, ruckelte, und dann blieb er einfach stehen. Nichts. Er bewegte sich keinen Zentimeter.

Ich schaute sie an und schrie: «Was hast du gemacht, du Idiotin? Was stehst du da? » Ich liess eine Schimpfwort-Salve los, die selbst die Nachbarn gehört haben müssen. «Geh deine Mutter holen!

» Und ihre Mutter stand tatsächlich im Flur. Sie sagte kein Wort. Sie hörte mich nur. Sie wusste jetzt, wie ich wirklich bin.

Später kam mein Vater vorbei, und er fragte mich, was los sei. Ich sagte nur: «Es ist einfach der Wahnsinn, glaub mir. » Er sah mich mit einem seltsamen Blick an und sagte: «Ich wusste es. Ich wusste, dass du so redest, wenn du wütend bist.

» Ich schwieg. Meine Mutter weiss es auch. Sie erträgt es. Aber mein Vater?

Der hätte mir am liebsten den Mund verboten, wenn er alles wüsste. Das mit dem Schreien und Fluchen ist bei mir nicht neu. Wenn mich jemand nervt, drehe ich durch. Gerade bei Verba passiert das ständig.

Ich schreie sie an, ich beleidige sie mit den schlimmsten Wörtern, die ich kenne, und sie steht einfach da und hält es aus. Ich verstehe selbst nicht, warum sie noch mit mir redet. Bei ihr denke ich mir immer: Die hat keine Wahl. Aber Verba?

Die könnte einfach gehen. Trotzdem bleibt sie. Vielleicht ist sie genauso verrückt wie ich. Ein anderes Mal sass ich neben einem Jungen namens Artjom, und ich telefonierte mit einer Freundin, die mich dermassen nervte, dass ich am Ende nur noch schrie: «Geh weg, du nervst mich!

Ruf mich nie wieder an! » Und dann legte ich auf. Artjom schaute mich entsetzt an und fragte: «War das deine Mutter? » Ich sagte: «Nein, eine Freundin.

» Er sagte: «Aha. Krass. »

Einmal klingelte mein Vater und stellte mir eine Frage. Ich wusste die Antwort nicht, weil ich wieder einmal den Namen einer Sache vergessen hatte.

Er wurde ungeduldig und sagte: «Gibt’s das? Du weisst schon, das Ding, das man auf den Zähnen hat? » Ich sagte: «Du meinst die Zahnbürste? » Er seufzte nur.

Die Sache mit den Mädchen, die wir treffen sollten, war auch so eine Geschichte. Zwei Tage lang versuchten wir, sie zu finden. Zuerst schrieben sie uns, wo sie seien, aber die Ortsangaben ergaben keinen Sinn. Dann gingen wir zu der angegebenen Strasse, fanden aber niemanden.

Wir fragten Leute, wir rannten herum, wir schrien fast. Und jedes Mal, wenn wir jemanden fragten, drehten wir uns um und fluchten über diese Person, noch während wir neben ihr standen. Es war ein Wunder, dass uns niemand verprügelt hat. Am Ende gingen wir zur Uferpromenade.

Ich hatte keine Stimme mehr, keine Energie, nichts. Meine Freundin sagte: «Sollen wir nochmal fragen? » Ich sagte nur: «Nein. Ich kann nicht mehr.

»

Dann kam die Sache mit den Streams auf. Jemand warf uns vor, wir würden unsere Zuschauerzahlen künstlich nach oben treiben. Dabei hatten wir das nie getan. Nur ein einziges Mal, am Anfang, da war vielleicht etwas dran.

Aber danach nie wieder. Trotzdem kamen immer wieder Leute in den Chat und sagten: «Die haben doch gekaufte Zuschauer. » Wir versuchten zu erklären, dass das nicht stimmt, aber es half nichts. Manche Leute wollen einfach nur etwas zu meckern haben.

Und dann war da noch die Sache mit dem Jungen, der krankgeschrieben war. Er hatte eine Augenoperation hinter sich, weil er schlecht sah. Trotzdem machten wir uns über ihn lustig und sagten, er sei dumm. Ich sagte sogar: «Der ist im Krankenhaus, weil er blöd ist.

» Meine Freundin lachte. Aber eigentlich war es nicht fair. Er konnte nichts dafür. Wir standen also da, an dieser Strasse, mit schmerzenden Beinen, einer heiseren Stimme und null Ahnung, wo die drei Mädchen waren.

Die Sonne brannte, der Asphalt glühte, und irgendwo in der Ferne lachte ein Kind. Ich schaute meine Freundin an. Sie schaute mich an. Und dann fingen wir beide an zu lachen.

Es war so absurd. Zwei Tage hatten wir gesucht, zwei Tage waren wir gelaufen, und am Ende standen wir immer noch da, ohne die Mädchen, ohne Plan, ohne alles. Da ging ein älterer Mann vorbei und fragte, ob er helfen könne. Ich wollte schon losschreien, aber dann hielt ich mich zurück.

Ich sagte nur: «Nein, danke. » Er zuckte mit den Schultern und ging weiter. Wir schauten uns wieder an. Dann sagte ich: «Gehen wir nach Hause.

» Sie nickte. Und wir drehten um. Unterwegs kamen wir an einem kleinen Laden vorbei. Ich blieb stehen und sagte: «Ich will etwas Süsses.

» Sie fragte: «Was denn? » Ich sagte: «Du weisst schon, diese Sache. Diese gelbe, mit Schokolade. » Sie schaute mich an und sagte: «Du meinst einen Snickers.

» Ich sagte: «Ja, genau. So etwas in der Art. » Sie stöhnte auf und ging in den Laden. Ich wartete draussen und schaute auf meine Schuhe.

Sie waren staubig und abgelaufen. Genau wie ich. Als sie zurückkam, gab sie mir den Riegel. Ich riss die Verpackung auf und biss hinein.

Es half nicht viel. Aber es half ein bisschen. Wir gingen weiter, die Strasse entlang, an Häusern vorbei, die ich nicht kannte und deren Namen ich sowieso nie behalten hätte. Meine Freundin sagte: «Weisst du, was das Problem ist?

Wir versuchen immer, Dinge zu finden, die es nicht gibt. Diese Mädchen, diesen Ort, dieses Ding, das wir vergessen haben. » Ich kaute und sagte: «Ja. Wahrscheinlich.

»

Zu Hause angekommen, setzte ich mich auf mein Bett. Meine Mutter rief aus der Küche, ob ich etwas essen wolle. Ich rief zurück: «Ja, aber ich weiss nicht, wie es heisst. » Sie lachte und sagte: «Komm einfach.

» Ich stand auf und ging in die Küche. Auf dem Tisch stand ein Teller mit Pelmeni. Ich setzte mich und ass. Meine Mutter setzte sich mir gegenüber und fragte: «Hast du deine Freundinnen gefunden?

» Ich schüttelte den Kopf. Sie sagte nichts mehr. Sie wusste, dass ich nicht darüber reden wollte. Am Abend rief Verba an.

Ich liess es klingeln. Dann nahm ich doch ab. Sie sagte: «Hey. » Ich sagte: «Hey.

» Sie fragte: «Bist du noch sauer? » Ich sagte: «Nein. Ich bin nur müde. » Sie sagte: «Wir versuchen es morgen nochmal.

» Ich sagte: «Nein. Ich will nicht mehr. » Sie war einen Moment still. Dann sagte sie: «Okay.

» Und wir legten auf. Ich lag auf dem Bett und schaute an die Decke. Ich dachte an die Mädchen, die wir nie gefunden hatten. An die Orte, deren Namen ich nicht kannte.

An die Dinge, die ich immer vergass. Meine Mutter kam herein und legte mir eine Decke über die Beine. Sie sagte: «Du bist nicht dumm. Du bist nur zerstreut.

» Ich drehte mich zur Seite. Sie sagte: «Und wenn du schon so redest, dann pass wenigstens auf, dein Vater darf das nie hören. » Ich musste lächeln. Sie wusste es also auch.

Sie wusste immer alles. Ich schloss die Augen. Draussen ging langsam die Sonne unter. Ich hörte, wie meine Mutter in der Küche das Geschirr wegräumte.

Und ich dachte: Morgen ist ein neuer Tag. Und vielleicht weiss ich dann endlich, wie diese Dinger heissen, die man auf den Zahn legt. Vielleicht auch nicht.

Aber das ist okay.