Das Akkordeon meines toten Mannes stand jahrelang unberührt in seinem Zimmer. Ich konnte es nicht anfassen. Nach seinem Tod half mir meine Schwiegertochter Kerstin beim Ausmisten, und sie entschied, dass das Instrument nur im Weg stand und nach Keller roch. Sie verkaufte es für dreißig Euro an einen Ankäufer in der Leipziger Straße, während ich in der Küche Kaffee machte.

Ich war zu müde, um zu widersprechen. Vierzehn Monate Witwenschaft, zwei Tage Aufräumen – ich ließ es geschehen. Am Abend legte Kerstin mir die drei Scheine auf den Küchentisch. Sie lagen drei Wochen dort.
Ich fasste sie nicht an. Sechs Wochen später klingelte das Telefon. Ein Mann namens Manfred Ludolf, der den An- und Verkauf betreibt, meldete sich. Er sagte, er habe ein altes Akkordeon aufgearbeitet und dabei etwas gefunden, das mir gehöre.
Er wolle es nicht einfach wegwerfen. Ich fuhr am nächsten Tag hin. In seiner Werkstatt lag Brunos Akkordeon zerlegt auf der Bank, das Gehäuse offen. Er nahm einen braunen Umschlag, der innen im Diskantteil mit Isolierband festgeklebt war.
Er sagte, man komme da nur ran, wenn man das Instrument komplett zerlegt. In dem Umschlag waren handgeschriebene Listen, zusammengeheftet, viele Blätter. Brunos Handschrift. Untereinander standen Namen, daneben Daten und manchmal ein Wort oder zwei.
Hedwig Breuer, 3. März 1995, Rosamunde. Alfred Zink, 9. März 1995, kein Wunsch.
Ich verstand es nicht. Herr Ludolf sagte nur: „Frau Ostheim, das sollten Sie herausfinden, nicht ich. “
Zu Hause zählte ich alles durch. Es waren 342 Namen, von 1995 bis zwei Monate vor seinem Tod.
Alle Daten waren Sonntage. Ich breitete die Blätter auf dem Küchentisch aus, dann auf dem Boden, weil der Platz nicht reichte. Ich suchte nach Jahren, die ich kannte. 2008, das Jahr unserer Silberhochzeit – Namen.
2016, als Bruno an der Galle operiert wurde – eine Lücke von acht Wochen, dann ging es weiter. Ich rief meine Freundin Traudel an, die früher im Krankenhaus gearbeitet hatte. Sie wurde still, als ich die Namen vorlas. Dann sagte sie: „Marlis, die Hedwig Breuer, die kenne ich.
Die war im Hospiz am Frauenberg. “
Am nächsten Morgen fuhr ich hin. Die Frau am Empfang schlug die Hand vor den Mund. „Sie sind die Frau vom Herrn Ostheim?
Wir haben uns schon gedacht, dass er nicht mehr kommt. Aber niemand wusste, wie wir Sie erreichen. “
Die Pflegedienstleitung holte mich in ein Büro. Bruno war seit 1995 jeden Sonntagnachmittag ins Hospiz gekommen, mit dem Akkordeon.
Er ging von Zimmer zu Zimmer und fragte, ob jemand etwas hören möchte. Wer wollte, bekam ein Lied. Er nahm nie Geld, nicht einmal Fahrtkosten. Er fragte, was die Leute hören wollten, nicht, was er spielen konnte.
Wenn jemand ein Lied wünschte, das er nicht kannte, schrieb er es auf und kam die Woche darauf wieder. Er übte zu Hause, wochenlang, hinter geschlossener Tür. Ich saß da und dachte an all die Abende, an denen ich ihn durch die Tür gehört hatte. Ich hatte gedacht, er hat Spaß daran.
Er übte für einen Sterbenden, der sich etwas gewünscht hatte und vielleicht nur noch eine Woche hatte. Ich fragte, warum er das getan hat. Frau Rösch sagte, sie hätte ihn einmal gefragt. Seine Antwort: „Meine Mutter ist 1994 gestorben, ganz allein, nachts im Krankenhaus.
Ich bin zu spät gekommen. Seitdem denke ich, es sollte niemand allein und in der Stille gehen müssen. “
Ich erinnerte mich an diese Nacht. Das Krankenhaus hatte angerufen.
Als wir ankamen, war sie schon drei Viertelstunden tot. Bruno stand auf dem Flur und sagte nichts. Ich hatte damals gedacht, er kommt gut damit zurecht. Er kam nicht damit zurecht.
Er arbeitete 26 Jahre daran. 342 Menschen. Im Aufenthaltsraum hing ein Foto. Ein Mann von hinten mit einem Akkordeon auf einem Stuhl, im Bett lag eine alte Frau und lächelte.
Die Pflegedienstleitung hatte mir erzählt, dass die meisten Ehrenamtlichen nicht über ihre Arbeit reden, weil sie keine Anerkennung wollen. Sie wollen, dass es sauber bleibt. Am selben Nachmittag fuhr ich zu Herrn Ludolf. Ich wollte das Akkordeon zurückkaufen.
Er weigerte sich, Geld zu nehmen. Er hatte es nie ins Schaufenster gestellt. Ich bestand darauf, ihm wenigstens das Material zu bezahlen. Dann bat ich Norbert und Kerstin zu mir.
Ich stellte das Akkordeon auf den Esstisch, den Umschlag daneben. Ich las ihnen die erste Seite vor, Name für Name. Norbert fragte: „Mama, was ist das? “ Ich sagte: „Das sind die Menschen, denen dein Vater vorgespielt hat, bevor sie gestorben sind.
Jeden Sonntag, jahrelang, im Hospiz. “
Kerstin wurde blass. Sie flüsterte: „Ich habe gesagt, es riecht nach Keller. “ Norbert starrte auf seine Hände.
Dann sagte er: „Ich habe ihm gesagt, das ist alte Leute Musik. Ich war fünfzehn. Er hat danach nie wieder auf einer Familienfeier gespielt. “
Ich hielt inne.
Er sagte es mit einem Ton, der mir den Magen umdrehte. Dann fügte er hinzu: „Ich habe immer gedacht, er hat einfach keine Lust mehr gehabt. “ Ich antwortete: „Nein. Er hat es sich nicht mehr getraut.
“
Das Akkordeon steht jetzt wieder in Brunos Zimmer, aufgearbeitet und gestimmt. Und ich fahre sonntags ins Hospiz. Ich kann kein einziges Lied spielen. Ich sitze bei Menschen, die keinen Besuch bekommen, und rede mit ihnen oder lese vor.
Ich führe auch eine Liste. Das habe ich von Bruno. Ich bin bei 27. Kerstin hat gefragt, ob sie mitkommen darf.
Sie ist jetzt zweimal mitgefahren und war beide Male sehr still auf der Rückfahrt. Norbert hat angefangen, Akkordeon zu lernen, mit 45. Er will wenigstens ein Lied können. Am besten das, das am häufigsten auf den Listen steht.
Rosamunde. Im Hospiz hängt noch immer das Foto. Neulich fragte mich eine Bewohnerin, wer das sei. Zum ersten Mal in meinem Leben sagte ich den Satz, den ich 26 Jahre lang hätte sagen können: „Das ist mein Mann.
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