Der Boden des Kassler Hauptfriedhofs war an diesem Novembermorgen so hart gefroren, dass ich die Kälte durch die Sohlen meiner Schuhe spürte, noch bevor ich das erste Wort hörte. Es war die Stimme meiner Schwiegertochter Sabine – leise, aber deutlich genug, dass ich sie sofort verstand. Sie sagte, ich solle einen Schritt zurücktreten, damit die Familie näher ans Grab treten könne. Ich drehte mich nicht sofort um.

Ich stand einfach da, die Hand noch auf dem kalten Holz des Sarges, und ließ die Worte einen Moment lang wirken, bevor ich begriff, was sie eigentlich bedeuteten. Ich heiße Helga Berger. Ich bin 74 Jahre alt, und der Mann, den wir an diesem Tag zur letzten Ruhe brachten, war Heinrich, mein Ehemann seit 47 Jahren. Ich hatte einmal eine kleine Konditorei in der Kasseler Unterneustadt geführt, die ich verkaufte, um Heinrich in seinen letzten Jahren zu pflegen.
Wir hatten einen kleinen Sohn namens Bernt. Ich habe diesen Jungen großgezogen, als wäre er mein eigener gewesen, auch wenn er mich all die Jahre über nie ganz als seine Mutter betrachtet hat. Das war in Ordnung. Ich hatte gelernt, damit zu leben.
Jetzt stand Bernt neben mir im dunklen Anzug, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und sah geradeaus, als hätte er meine Anwesenheit bereits vergessen. Neben ihm seine Frau Sabine, die mir einen Blick zuwarf, der mehr sagte als jede Bemerkung. Es war nicht das erste Mal, dass ich diesen Blick sah, aber an diesem Tag, an diesem Ort, tat er besonders weh. „Helga, bitte“, sagte Sabine noch einmal, freundlicher jetzt, aber genauso bestimmt.
„Das ist schließlich auch das Familiengrab der Bergers, nicht nur deins. “
Ich sagte nichts. Ich trat einen halben Schritt zur Seite, faltete die Hände vor dem Bauch und sah zu, wie Bernt und seine beiden erwachsenen Kinder – meine Enkelin Laura, 23 Jahre alt, und mein Enkel Tim, 26 – sich näher an das offene Grab stellten. Laura sah kurz zu mir herüber, ihr Blick unsicher, fast entschuldigend.
Sie war das einzige Familienmitglied, das mir in diesem Moment noch in die Augen sehen konnte. Der Pfarrer sprach die letzten Worte. Der Sarg wurde hinabgelassen, und ich hörte, wie jemand hinter mir leise sagte, dass es doch eigentlich Zeit sei, die Sache mit dem Grab endlich zu klären. Ich verstand nicht sofort, wovon die Rede war.
Ich dachte, es ginge um Blumen, um die Pflege der Grabstätte, um die üblichen Fragen, die man sich nach einer Beerdigung stellt. Damals ahnte ich noch nicht, wie sehr ich mich täuschte. Nach der Zeremonie, während die Trauergäste sich langsam zum Ausgang bewegten, blieb ich noch einen Moment am Grab stehen. Ich griff in die Innentasche meines Mantels, wo ich seit dem Morgen einen alten, leicht vergilbten Umschlag trug.
Ich hatte ihn nicht mitgebracht, um ihn irgendjemandem zu zeigen. Ich hatte ihn einfach bei mir haben wollen an diesem Tag, weil er etwas enthielt, das Heinrich und mich vor mehr als drei Jahrzehnten verbunden hatte. Ich nickte nur. Ich hatte all das getan, weil ich dachte, dass Familie so funktioniert.
In der kleinen Wohnung in der Wilhelmshöher Vorstadt, die Heinrich und ich seit fast 20 Jahren bewohnten, holte ich den alten Umschlag aus meiner Manteltasche und legte ihn neben die graue Mappe von Bernt auf den Küchentisch. Ich lag eine Weile still im Bett, hörte dem Regen zu, der gegen das Fenster schlug, und dachte an den Umschlag in meiner Nachttischschublade. Ich stand auf, kochte mir Kaffee und setzte mich an den Küchentisch, an dem Heinrich und ich fast 20 Jahre lang jeden Morgen gesessen hatten. Warum?
Der Leichenschmaus fand in Bernts Haus in der Kasseler vorderen Westvorstadt statt – in einem hellen Wohnzimmer mit großen Fenstern zum Garten, in dem an diesem grauen Nachmittag mehr als 20 Trauergäste zusammengekommen waren. Im Raum wurde es für einen Moment still. Ich dachte an all die Jahre, in denen ich für diesen Mann gesorgt hatte, als wäre er mein eigenes Kind, an die Nächte am Krankenbett seines Vaters, an die Anzahlung für sein Haus, die ich nie zurückgefordert hatte. Laura, die still am Ende des Tisches saß, senkte den Kopf und presste die Lippen zusammen.
Ich stehe dort, lege frische Blumen nieder und spreche leise mit Heinrich, so wie ich es all die Jahre getan habe.


