Die älteste bekannte Kleidung der Welt? Neue Funde aus einer Höhle in Oregon sorgen für Diskussionen

Kleidung gehört zu den wichtigsten, aber zugleich am schwersten nachweisbaren Elementen der Menschheitsgeschichte. Während Steinwerkzeuge, Knochen oder sogar Fußabdrücke über Jahrtausende erhalten bleiben können, zerfallen organische Materialien wie Stoffe oder Leder meist vollständig. Genau deshalb sind echte Funde früher Kleidung extrem selten – und wissenschaftlich besonders wertvoll.
Ein Fund aus der Cougar Mountain Cave im südlichen Oregon könnte dieses Bild nun entscheidend erweitern. Die Höhle wurde bereits 1958 von einem Hobbyarchäologen untersucht, doch erst moderne Analysemethoden brachten ihre eigentliche Bedeutung ans Licht. Jahrzehntelang gelagerte Materialfragmente wurden erneut untersucht und lieferten Hinweise auf eine hochentwickelte Verarbeitung organischer Materialien aus der späten Eiszeit.
Zu den wichtigsten Funden gehören winzige Reste geflochtener Pflanzenfasern, die mit einer Technik verarbeitet wurden, die als „Zwirnen“ bekannt ist. Dabei werden mehrere Fasern miteinander verdreht, um besonders stabile Strukturen zu erzeugen – eine Methode, die auf ein ausgeprägtes handwerkliches Wissen schließen lässt.
Noch bemerkenswerter sind Fragmente von Tierhäuten, die offenbar gezielt zugeschnitten und vernäht wurden. Analysen zeigten unter anderem die Nutzung von Elch- und Bisonhaut sowie fein vorbereiteten Hasenfellen. Einige Stücke weisen sogar Spuren von Nähten auf, bei denen pflanzliche und tierische Fasern zu einem robusten Faden verarbeitet wurden.
Radiokarbondatierungen ordnen diese Materialien in ein Alter von etwa 12.000 bis 12.700 Jahren ein. Damit gehören sie zu den ältesten bekannten Belegen für komplexe Kleidung oder textile Verarbeitung in Nordamerika.

Die Funde stammen aus einer Zeit, in der Menschen bereits weite Teile des Kontinents besiedelten. Dennoch werfen sie neue Fragen auf: Wie verbreitet war solch fortgeschrittene Textiltechnik wirklich – und wie viel von der frühen Kleidungsgeschichte ist durch den Zahn der Zeit bereits verloren gegangen?
Auch wenn die Fragmente klein sind, eröffnen sie ein großes Bild: Kleidung war in der Eiszeit nicht nur Schutz, sondern offenbar auch ein hochentwickeltes Handwerk mit langer Tradition.


