„Du noch da? Ich dachte, du bist erst morgen zurückgekommen.” Ich stand mit meinem Koffer im eigenen Flur, nach drei Wochen Urlaub, und vor mir stand meine Schwester Maja im weißen…

„Du noch da? Ich dachte, du bist erst morgen zurückgekommen." Ich stand mit meinem Koffer im eigenen Flur, nach drei Wochen Urlaub, und vor mir stand meine Schwester Maja im weißen...

Das erste, was ich nach der Rückkehr aus dem Urlaub sah, war nicht Staub und nicht der vertraute Geruch von Kaffee und Holz, sondern ein fremder Name unter meinem Klingelschild. Er war sauber gedruckt, als hätte Maja dort schon immer gewohnt. Maja Brand. Meine Schwester.

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Der Flur roch nach kaltem Zigarettenrauch, der sich mit dem Geruch von feuchtem Handtuch mischte. Sechs Umzugskartons standen aneinandergereiht, einer auf dem anderen, einer halb geöffnet, aus dem der Rand einer Pfanne ragte. Auf meinem Schuhschrank lag ein fremder Schlüsselbund, daneben eine zerknitterte Packung Kaugummi. Im Bad hing ein feuchtes Handtuch über meiner Heizung, das ich nicht aufgehängt hatte.

Ich schloss die Tür hinter mir, ohne sie abzuschließen, und stellte meinen Koffer im Flur ab. Ich sah mich um. Meine Pflanze, die ich zur Nachbarin gebracht hatte, stand nicht am Fenster, sondern auf dem Boden. Der Platz war mit einem Laptop belegt, der nicht mir gehörte, daneben ein Notizblock mit leerem, weißem Papier und einem Kugelschreiber, den ich nie gekauft hätte.

Sonst war alles still. Auf meinem Schreibtisch lag eine fremde Sonnenbrille, in der Wohnzimmerecke stand ein zusammenklappbarer Wäscheständer, den ich noch nie gesehen hatte, und an der Garderobe hing ein beiger Trenchcoat, der nicht meiner war. Auf der Ablage im Flur, direkt neben der Schlüsselablage, lag meine Post. Obenauf ein Brief mit dem Absender einer mir bekannten Hausverwaltung.

Ich riss ihn auf. Es war eine Mieterbescheinigung. Über der Wohnung in der Brandstraße 17 stand mein Name, darunter der von Maja Brand. Der Vermerk lautete: Zweck: Wohnungsgeberbestätigung zur Anmeldung.

Ausgestellt am 5. August, also drei Tage, nachdem ich in den Urlaub gefahren war. Ich ließ den Brief auf den Boden fallen und holte mein Handy aus der Jackentasche. Meine Mails hatte ich auf dem Flughafen zum letzten Mal gecheckt, kurz vor dem Abflug.

Es waren keine neuen Nachrichten von Maja dabei gewesen, nur die üblichen Mails von der Kanzlei und ein Newsletter von einer Möbelkette. Ich scrollte hoch. Eine Mail von Maja, abgeschickt am 30. Juli, zwei Tage vor meinem Abflug.

Ich hatte sie wohl nie geöffnet, weil sie im Spam gelandet war, oder weil ich sie auf dem Handy übersehen hatte, weil ich sie unter „Maja” abgelegt hatte und sie dort zwischen Werbung und Rechnungen verschwunden war. Ich öffnete sie. „Liebe Marlene, dachte, ich sag dir Bescheid: Ich brauche für eine Übergangszeit einen Untermietvertrag für meine Unterlagen. Fristen, du weißt.

Ich habe der Vermieterin gesagt, du bist einverstanden. Melde dich, wenn du wieder da bist. ”

Die Vermieterin. Ich hatte keine Vermieterin.

Ich hatte die Wohnung selbst gekauft, vor fünf Jahren, aus einer Zwangsversteigerung, mit Ersparnissen und einem kleinen Kredit, den mein Vater mir damals ohne Zinsen gegeben hatte. Es gab keine Vermieterin. Es gab nur mich, Marlene Seifert, Eigentümerin, allein im Grundbuch. Ich setzte mich auf die Kante des Couchtisches, weil die Couch mit Kartons vollgestellt war.

Mein Kopf fühlte sich seltsam leicht an, als ob mir etwas entzogen worden wäre, ein Teil meiner eigenen Wohnung, ein Teil meiner Ruhe. Ich blieb eine Weile sitzen, bis mir ein Geräusch auffiel. Es kam aus der Küche. Ein leises Zischen, wie von einer Bratpfanne auf dem Herd.

Ich stand auf, ging zur Tür und öffnete sie langsam. Die Küche war leer, aber das Fenster war nur angelehnt und auf dem Herd stand eine Pfanne mit eingetrockneten Fetträndern, die nicht mehr zu reinigen waren. Der Geruch von verbranntem Öl hing in der Luft. Ich drehte mich um und sah in der offenen Wohnzimmertür eine Gestalt stehen.

Maja. Sie trug meine Bademantel, den weißen Frotteebademantel, den ich für meine Einzugsfeier gekauft hatte und den ich noch nie getragen hatte, weil er mir zu groß war. Ihre Haare waren feucht, als käme sie gerade aus der Dusche. Sie hielt einen Becher in der Hand, aus dem Dampf stieg.

Sie sah mich an, ohne zu blinzeln, und sagte: „Du noch da? Ich dachte, du bist erst morgen zurückgekommen. ”

„Ich bin heute zurückgekommen”, sagte ich. Meine Stimme war flach, wie fremd.

„Warum bist du in meiner Wohnung, Maja? ”

„Deine Wohnung? ” Sie lachte kurz und stellte den Becher auf die Anrichte. „Das klingst du wie eine Kontrolleurin.

Ich dachte, du hättest damit kein Problem. Ich hab dir doch geschrieben, dass ich hier für eine Weile unterkomme. ”

„Du hast mir geschrieben, dass du einen Untermietvertrag brauchst. Nicht, dass du hier eingezo…”
„Ach komm, das ist doch dasselbe.

Du warst weg, ich hab eine Übergangslösung gebraucht, die Bude stand leer. “

„Sie stand nicht leer. Sie war abgeschlossen. Ich war im Urlaub, Maja.

Ich habe dir vorher gesagt, dass ich keinen Untermieter will. Ich habe dir sogar geschrieben: Meine Wohnung ist kein Lager. “

Maja winkte mit der Hand ab. „Du und deine Zettel.

Du machst aus einer Mücke einen Elefanten. Ich bin deine Schwester, das ist kein Fremder. “

Ich musste mich am Türrahmen festhalten, weil meine Knie plötzlich weich wurden. „Aber das ist nicht das Thema.

Das Thema ist, dass mein Name auf einem fremden, dass mein Klingelschild nicht mehr stimmt. Dass ein fremder Mann mit einer Besichtigung, dass jemand, dass du mir eine Wohnungsgeberbestätigung ausgestellt hast, auf der ich als Vermieterin stehe, ohne mich zu fragen. Weißt du, was das heißt? Weißt du, was mit so einem Papier passiert, wenn jemand damit was anfängt, wenn jemand damit Mist baut?

Maja zuckte die Achseln. „Ich wollte nur meine Unterlagen sortieren. Du bist nie da, du hast die Wohnung eh nicht richtig benutzt. Ich dachte, das ist besser so, dann sieht das Ganze seriöser aus.

„Seriöser? Du hast ein Formular gefälscht, Maja. Das ist Urkundenfälschung. Das ist kein Spaß, dafür kann ich meine Zulassung verlieren.

„Jetzt übertreibst du aber“, sagte Maja und verschränkte die Arme. „Das ist ne reine Formsache. Wenn ich mich ummelde, brauch ich die Papiere. Du machst da so was Riesiges draus, typisch du.

Immer die kleine Moralistin. “

„Ich bin keine Moralistin“, sagte ich leise. „Ich bin jemand, der um 6 Uhr morgens aufsteht und für seinen Namen arbeitet. Und der nicht möchte, dass seine Schwester mit diesem Namen Kredite auf den Kopf haut oder Mietverträge unterschreibt oder sonst was, was ich nicht kenne.

Hast du irgendwas unterschrieben, Maja? Noch irgendwas? “

„Was, zum Beispiel? “

„Ich weiß nicht.

Zum Beispiel Stromverträge. Oder Versicherungen. Oder eine Gewerbeanmeldung. Irgendwas mit meiner Adresse.

Maja sah mich einen Moment an. Dann senkte sie den Blick und sagte so beiläufig, wie man über das Wetter spricht: „Nur der Mietvertrag für die Wohnung. Für die Sache, die du jetzt schon weißt. Für die Anmeldung.

Das reicht doch, oder? “

„Und wo ist der? Der Mietvertrag? “

„Bei mir.

Wahrscheinlich. Ist irgendwo in den Kartons. “ Sie machte eine ausladende Handbewegung zu den Umzugskartons, die im Flur standen. „Ich miete mich doch bei dir ein.

Wir sind Schwestern, das macht man so. Du unterschreibst das als Vermieterin, ich krieg meine Papiere, alles ist legal. “

„Gut“, sagte ich. „Dann zeig mir den Vertrag.

„Den habe ich gerade nicht dabei. Ich bringe ihn dir morgen vorbei. “
„Nein“, sagte ich. „Nicht morgen.

Heute. “
„Du bist ja wirklich anstrengend“, sagte sie und schob sich an mir vorbei ins Wohnzimmer. Sie blieb vor der Fensterfront stehen und sah hinaus, als wäre das alles selbstverständlich. „Hör zu, Marlene, ich will kein einziges Drama.

Ich bin in einer blöden Situation, mein Freund hat mich rausgeschmissen, ich muss unterkommen, und ich hab mir gedacht, bei dir habe ich doch ein offenes Ohr. Aber wenn du so tust, als wäre ich eine Fremde, die dich bestehlen will, dann weiß ich auch nicht weiter. “

„Du schuldest mir kein Drama“, sagte ich. „Du schuldest mir nur die Wahrheit.

Wo ist der Mietvertrag, Maja? “

„Ich hab’s dir gesagt, der ist in den Kartons. “
„Dann such ihn. “

„Was?

„Du suchst ihn jetzt. Du suchst den Mietvertrag, den du dir selbst ausgestellt hast, mit meiner Unterschrift, die ich nie gemacht habe, und dann ziehst du dich aus meinem Bademantel aus, ziehst meine Schuhe aus der Wohnung und bringst deine Sachen in dein Auto oder wohin auch immer. Und wenn du eine Bescheinigung brauchst, dann gehst du zum Bürgeramt und fragst, wie das mit der Anmeldung funktioniert, ohne dass man erfundene Vermieter benutzt. “

Maja drehte sich zu mir um.

Ihr Gesicht war offen, fast weich. Ich kannte diesen Blick, den hatte sie schon als Kind, wenn sie erwischt wurde und es nicht mehr leugnen konnte. Deshalb war sie für einen Sekundenbruchteil still. Dann sagte sie leise: „Es gibt kein Dokument, Marlene.

Ich brauche keins. Ich dachte, ich ziehe einfach hier ein, für eine Weile, bis ich was Eigenes habe. Ich hab mir gedacht, du machst es nicht, wenn ich dich frage, also hab ich dir halt nicht gefragt. Mehr ist es nicht.

Ich spürte, wie mir die Luft wegblieb. Nicht aus Wut, sondern weil ich sie verstand. Sie hatte wirklich gedacht, ich würde es nicht merken, oder ich würde es schon nicht schlimm finden, weil sie meine Schwester war. Und weil ich das eine Sekunde lang fast getan hätte, die Sache mit dem Frieden machen, weil man als Schwester nicht die Polizei, nicht den Anwalt, weil man keine Wellen schlägt, weil Familiengefühl so aussieht wie ein Handtuch an meiner Heizung, das ich nie aufgehängt habe.

Ich trat einen Schritt zur Seite und deutete auf die Tür. „Ich brauche vierundzwanzig Stunden, Maja. Bis morgen Mittag um zwölf. Bis dahin will ich deine Sachen, deinen Namen und deine Matratze aus meiner Wohnung draußen haben.

Und wenn du mich fragst, wie ich darauf komme: Ich habe noch alle meine Verstand. Aber ich weiß nicht, ob das lange hält. “

Maja lächelte matt, halb erleichtert, halb ungläubig. „Also, ich hab ja gesagt, du bist die Moralistin.


„Nein“, sagte ich. „Ich bin nur jemand, der endlich wieder schlafen will, ohne sich zu fragen, was in seiner eigenen Wohnung passiert. “
Sie zuckte mit den Schultern, ging ins Badezimmer und holte ihre Zahnbürste. Sie sagte nichts mehr.

Sie sammelte ihre Sachen ein, erst langsam, dann schneller, als würde ihr erst jetzt bewusst, wie viel sie nicht gehörte, wie viel fremdes Leben sie in diesem Raum ausgebreitet hatte. Sie ließ meine Bademantel auf dem Boden liegen, zog Jeans und eine Bluse an, die zerknittert aus einer Tasche kam, und stand nach fünf Minuten mit einer vollen Reisetasche und einem Karton im Flur. „Dann bin ich also so was wie n Pleitegeier in deinen Augen“, sagte sie, ohne mich anzusehen. „Du bist meine Schwester“, sagte ich.

„Das heißt nicht, dass ich mit dir machen kann, was ich will, wenn du mir die Regeln nicht sagst. “
„Ich hab dir doch die Wahrheit gesagt. “

„Nein, Maja. Du hast mir gesagt, was du wolltest.

Das ist nicht dasselbe. “
Sie öffnete die Wohnungstür und trat auf den Treppenabsatz. Dann drehte sie sich noch einmal um. Ihr Gesicht war plötzlich sehr müde.

„Ich weiß, dass das nicht cool war. Ich weiß, dass ich dich damit unter Druck gesetzt habe. Aber ich wusste mir nicht anders zu helfen. Ich dachte, das ist einfacher, als dir selber zu sagen, dass ich grade kein Zuhause mehr hab.

Ich wollte etwas erwidern, aber sie hob schon die Hand. „Lass mich einfach gehen, Marlene. Ich schreib dir, wenn ich was gefunden hab. Und danke, dass du nicht auf mich geschossen hast.

Damit ging sie. Die Tür fiel langsam zu, mit einem leisen Klicken, das in der plötzlichen Stille wie ein Schlag wirkte. Ich blieb im Flur stehen. Der Karton mit den Pfannen war noch da, das Handtuch auch, der fremde Schlüsselbund lag noch auf dem Schuhschrank.

Aber der Trenchcoat war weg, und die Sonnenbrille war verschwunden. Ich atmete tief durch, drehte dann den Schlüssel im Schloss und schob den Riegel vor, der seit fünf Jahren nur noch bei Gewitter gebraucht wurde. Dann sah ich mich noch einmal um. Ich hob das Handtuch auf, legte es über die Heizung zum Trocknen, weil es nur noch ein nasses Stück Stoff war.

Ich stellte die Kartons, die ich nicht einpacken musste, nicht in den Keller, weil mir der Sinn darauf stand, die fremde Ordnung nicht zu übernehmen. Ich räumte meinen Koffer aus, kochte mir einen Tee und setzte mich auf die Fensterbank, die auf die Berge zeigte. Die Wohnung. Meine zwei, nein drei Zimmer im Altbau in der Brandstraße.

Plötzlich wirkten sie riesig und leer, aber sie waren wieder meins. Der Mann von der Hausverwaltung rief noch am selben Abend an. Er entschuldigte sich förmlich und sagte, dass der Nachweis über die Mieterbescheinigung zurückgerudert worden sei, die Anmeldung von Frau Brand sei nicht aktenkundig und es sei keine weitere Unterlage mehr gültig. Er fragte, ob ich mir das so vorstellen könne.

Ich sagte, das könne ich. Ich bedankte mich und legte auf. Dann stellte ich den Taschen. Ich ging ins Bad, drehte das Wasser auf und wartete, bis es heiß wurde.

Unter der Dusche blieb ich lange stehen, bis mir warm wurde, bis mir der Schreck aus den Gliedern wich. Und als ich ausstieg und das Handtuch vom Heizkörper nahm, das inzwischen trocken war, wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Nicht weil ich zu hart war. Sondern weil ich endlich verstanden hatte, dass es nicht mein Job war, die Folgen davon zu tragen, dass meine Schwester kein Zuhause hatte.

Am nächsten Tag schickte Maja mir eine Nachricht. Nur ein Wort: „Danke. “
Ich las sie und löschte sie. Am übernächsten Morgen stand ein neues Schild an meiner Klingel, sauber gedruckt, wie das erste auch.

Nur war diesmal kein Zweier mehr da. Es stand einfach da, nur ein Name, einer, der wieder stimmte:

M. Seifert. Ich duschte, zog einen frischen Mantel an und ging zur Hausverwaltung, um persönlich zu klären, ob es noch irgendetwas zu regeln gab, außer meiner Ruhe.

Und als die Sachbearbeiterin mir einen neuen Vertrag über die Nutzung meiner eigenen Räume vorlegte, ohne dass ein fremder Name draufstand, lächelte ich, unterschrieb und sah noch einmal das Foto von der Eingangstür durch, das ich damals in einer Überforderung gemacht hatte. Ich lächelte leise, während ich das Foto löschte. Ich machte ein neues.

Dieses Mal war mein Klingelschild schwarz und trug genau einen Namen, und der war es auch, der auf der Klingel blieb.