Braunschweig – Er nannte sich selbst den „besten Todmacher Deutschlands“, doch hinter dieser zynischen Selbstinszenierung verbirgt sich einer der grausamsten Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte: Rudolf Pleil, geboren am 7. Juli 1924 im erzgebirgischen Küberg, hinterließ eine Blutspur, die die ohnehin zerrüttete Gesellschaft der Jahre 1946 und 1947 in Angst und Schrecken versetzte.
In einer Zeit, in der Deutschland zwischen den Siegermächten zerschnitten war, in der Hunger, Kälte und Chaos den Alltag bestimmten, nutzte Pleil die Not der Menschen für seine mörderischen Triebe. Der ehemalige Seemann und Schwarzmarktschieber, der sich als Grenzführer ausgab, lockte seine Opfer – zumeist alleinstehende Frauen auf der Flucht zwischen den Zonen – in tödliche Fallen. Sein erstes bekanntes Opfer war Eva, eine Mutter, die am 26.
März 1946 bei Materioll auf einem Waldweg von Pleil mit einem Beil von hinten erschlagen wurde, während ihr Begleiter Karl Hoffmann ihre Habseligkeiten raubte.
Die Grenze zwischen der sowjetischen und der britischen Besatzungszone, die sich von Lübeck bis Göttingen durch das Land zog, wurde für Pleil zum Jagdrevier. Im Harz und im Braunschweiger Land trieb er sein Unwesen, oft in Begleitung wechselnder Komplizen. Der ältere Karl Hoffmann und der junge Konrad Schüssler, den Pleil gezielt als Köder einsetzte, um das Vertrauen von Frauen zu gewinnen, unterstützten ihn bei seinen Taten oder halfen bei der Beseitigung der Leichen.
Die Liste seiner Opfer ist lang und grausam. Im Juli 1946 erschlug er in Walkenried eine bis heute unbekannte Frau mit einem Hammer. Im September 1946 tötete er die junge Irene Hartmann bei Kenze, nachdem sie ihm Schokolade angeboten hatte.
Wenig später stieß er eine Frau im Moor bei Salzwedel in den Morast, wo ihre Leiche spurlos verschwand. Im Ostharz fiel ihm die junge Christa Schreier zum Opfer, die er mit einem Hufeisen niederschlug, als sie die Zonengrenze überqueren wollte.
Besonders erschütternd ist der Fall der 55-jährigen Lydia Schmidt, die am 12. Dezember 1946 am Bahnhof von Nordhausen auf der Suche nach einem Grenzführer war. Pleil schlug sie mit einem Knüppel so heftig auf den Kopf, dass sie schwer verletzt zusammenbrach.
Während seine Begleiter in Panik flohen, misshandelte Pleil die Wehrlose weiter. Doch Lydia Schmidt überlebte – sie erwachte Stunden später blutüberströmt im Schnee und wurde nur durch Zufall entdeckt.
Nur einen Tag später, am 13. Dezember 1946, tötete Pleil die 39-jährige Emmi Lepin am Bahnhof von Finenburg mit einer Eisenstange. Am 14.
Dezember 1946 traf es Gertrud Glöde, die ihre zehnjährige Tochter Elvira bei den Großeltern zurückgelassen hatte, um letzte Habseligkeiten aus Berlin zu holen. Pleil erschlug sie und warf ihren Körper in einen Brunnen an der zerstörten Bahnstrecke. Die Puppe, die Gertrud als Weihnachtsgeschenk für ihre Tochter bei sich trug, schenkte Pleil später seiner eigenen Tochter.
Die Ermittlungen zogen sich über Jahre hin. Wachtmeister Reinhold Kalbowski aus Finenburg, der das Schicksal der kleinen Elvira Glöde nicht vergessen konnte, hatte bereits früh einen Verdacht geschöpft und den Brunnen an der Blockstelle 25 im Auge behalten. Doch erst nachdem Pleil im Zuchthaus Zelle einen Brief an den Bürgermeister von Finenburg geschmuggelt hatte, in dem er sich als Henker anbot und detailliert die Fundorte zweier Leichen beschrieb, wurden die Behörden aktiv.
Der Brunnen wurde ausgepumpt, und tatsächlich fand man die sterblichen Überreste von Gertrud Glöde und Emmi Lepin.
Am 31. Oktober 1950 begann in Braunschweig der Prozess gegen Rudolf Pleil, Karl Hoffmann und Konrad Schüssler. Das Interesse der Öffentlichkeit war enorm.
Besonders erschütternd war der Auftritt der inzwischen 14-jährigen Elvira Glöde, die dem Mann gegenübertreten musste, der ihre Mutter getötet hatte. Pleil zeigte keinerlei Reue. Gepflegt gekleidet und selbstzufrieden inszenierte er sich als Mittelpunkt des Geschehens.
Das psychiatrische Gutachten von Dr. Fritz Barnsdorf aus der Landesheilanstalt Königslutter bescheinigte Pleil volle Schuldfähigkeit. Er sei kein Wahnsinniger im klassischen Sinne, sondern ein gefährlicher Triebtäter, der seine Handlungen bewusst kalkulierte.
Am 17. November 1950 wurde Pleil zu lebenslanger Haft verurteilt. Karl Hoffmann erhielt eine Freiheitsstrafe und starb 1976 im Gefängnis.
Konrad Schüssler kam Ende der fünfziger Jahre nach einem Gnadengesuch frei.
Rudolf Pleil konnte sich mit dem Leben hinter Gittern nicht abfinden. Wiederholt kündigte er an, sich das Leben zu nehmen. In der Nacht zum 16.
Februar 1958 setzte er diese Drohung um und erhängte sich mit einem Handtuch an der Klinke seiner Zellentür. In den Jahren zuvor hatte er zahlreiche Aufzeichnungen verfasst, in denen er sich selbst als „Totmacher“ inszenierte und von einer angeblichen religiösen Hinwendung sprach. Doch selbst in diesen Schriften blieb sein Zynismus erkennbar.
Der Fall Rudolf Pleil ist nicht nur ein grausames Beispiel für die Abgründe menschlicher Gewalt, sondern auch ein Spiegelbild der Unsicherheit jener Nachkriegsjahre, in denen Grenzen verschwammen und das Leben vieler Menschen nichts galt. Noch heute gilt er als einer der schlimmsten Serienmörder der deutschen Nachkriegszeit – ein Mann, der mehr Opfer forderte, als er je selbst genau benennen konnte.