Es ist kurz nach Sonnenaufgang. Wir schreiben das Jahr 793 nach Christus. Du stehst mitten in einem ablegenen Dorf irgendwo in dem Land, das eines Tages England genannt werden wird – obwohl es in dieser Epoche noch niemand so nennt. Die Vorstellung eines geeinten Reiches ist nicht mehr als ein ferner politischer Traum, der erst in einigen Jahrzehnten Wirklichkeit werden wird.
Um dich herum stehen etwa dreißig hölzerne Gebäude: niedrig, dunkel, mit Wänden aus geflochtenen Zweigen und Lehm. Die Strohdächer sind verwittert und seit mindestens zwei Jahren nicht mehr erneuert worden. Der Geruch trifft dich sofort und mit voller Härte: eine beißende Mischung aus Viehmist, feuchtem Holzrauch, ungewaschenen Körpern und jenem süßlich-feuchten Verwesungsgeruch organischer Substanz, die in der kühlen englischen Luft langsam zerfällt. Du hast genau 24 Stunden, um in dieser Welt zu überleben. Doch seien wir ehrlich: Die Chancen stehen denkbar schlecht.
Das Erste, woran du heute sterben könntest, ist nicht das, womit du rechnest. Kein Schreckensgespenst aus dem Wald und kein plötzlicher Überfall. Es ist schlicht dein Frühstück.
Du wachst auf und hast Hunger. Hier ist jeder immer ein bisschen hungrig, denn der Kalorienpuffer zwischen Überleben und Mangel ist hauchdünn. Schon eine schlechte Wetterwoche kann eine ganze Gemeinschaft an den Rand der Hungersnot bringen. Was du heute Morgen isst, sind die Reste von gestern: ein dicker, grauer Getreidebrei aus Gerste oder Roggen. Gekocht wurde er in einem Rußtopf über einem Feuer, das seit Monaten ununterbrochen brennt, weil das Neuanschlagen von Funken zeitaufwendig und mühselig ist.

Der Brei stand über Nacht in der warmen Asche – nach modernen Maßstäben ein perfekter Nährboden für Bakterien. Du isst ihn trotzdem, weil es schlicht nichts anderes gibt. Dazu trinkst du Wasser aus einer seichten Quelle, in der tagsüber auch das Vieh steht. Du weißt nicht, ob das Wasser heute keimfrei ist oder ob es Erreger enthält, die dich bis zum Mittag vor Schmerzen krümmen lassen. Du trinkst es dennoch. Eine Alternative existiert nicht.
Dein Körper im Jahr 793 ist nicht der eines Besuchers aus dem 21. Jahrhundert. Du bist in dieser rauen Welt aufgewachsen, und sie hat ihre Spuren tief in dich eingebrannt. Du bist chronisch leicht mangelernährt. Es reicht zum Funktionieren, doch der ständige Nährstoffmangel hat deine Knochen geschwächt. Deine Zähne sind vom feinen Sandsteinabrieb heruntergeschliffen, der beim Mahlen des Getreides auf einfachen Steinmühlen ins Mehl gelangt.
Mit deinen Mitte 20 fühlst du dich eher wie 40. Wenn du eine Frau bist, hast du bereits mindestens eine Geburt überstanden – im Frühmittelalter eine lebensgefährliche Leistung. Die Müttersterblichkeit ist ein ständiger Schatten über dem Dorf; Infektionen und körperliche Erschöpfung fordern regelmäßig ihren Tribut.
Am Vormittag beginnt die unerbittliche Arbeit. Du bist Subsistenzbauer. Jede Stunde deiner körperlichen Schufterei dient direkt dem Zweck, das Verhungern deiner Familie zu verhindern. Es gibt keine Ersparnisse, keinen Überschuss, keinen Plan B. Wenn die Ernte durch Schädlinge oder Dauerregen ausfällt, stirbst du. Wenn dich der lokale Herrscher um deinen Ertrag bringt – was er nach Belieben tun kann –, stirbst du.
Du stehst auf dem Feld, das gemeinschaftlich in Streifen bewirtschaftet wird. Der schwere Ochsenseiher schneidet nur flache Furchen in den zähen Lehmboden. Du hinkst dem Zeitplan immer hinterher, denn das Wetter nimmt keine Rücksicht auf die Aussaat. Du arbeitest, bis dein Rücken schmerzt, und dann arbeitest du weiter, weil die Jahreszeit keine Pausen erlaubt.
Gegen Nachmittag verzieht sich der Nebel, doch die Anspannung steigt. Im Jahr 793 ist die Bedrohung durch Überfälle aus dem Norden kein Mythos mehr – es ist das Jahr, in dem mit dem Überfall auf das Kloster Lindisfarne das Zeitalter der Wikinger blutig eingeläutet wurde. Nachrichten verbreiten sich langsam, Befestigungen gibt es kaum. Die Langschiffe bewegen sich flussaufwärts schneller, als Warnungen über Land reisen können.
Wenn ein Trupp Nordmänner auftaucht, bleiben dir nur drei Optionen:
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In den dicht bewaldeten Sumpf rennen und hoffen, dass man dich übersieht.
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Mit einer einfachen Mistgabel kämpfen und innerhalb von Sekunden fallen.
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In Ketten gelegt und verschleppt werden.
Die Sklaverei ist der wirtschaftliche Motor dieser Epoche. Gefangene werden gehandelt, über das Meer transportiert und sie sehen ihre Heimat nie wieder. Es gibt keinen zentralen Staat, der dich schützt, keine Polizei, keine stehende Armee. Dein lokaler Lord ist vielleicht mutig, vielleicht feige oder er hat sich längst freigekauft. Du weißt es erst, wenn die Hütten brennen.
Bei der Arbeit am Nachmittag rutschst du mit der Sichel ab. Ein tiefer Schnitt in der Handfläche. Im 21. Jahrhundert wäre das eine Sache von Desinfektionsmittel und einem Pflaster. Im Jahr 793 ist dieser Schnitt ein potenzielles Todesurteil.
Niemand versteht das Konzept von Keimen oder Infektionen. Man spricht von bösen Säfteungleichgewichten oder dem Willen Gottes. Die Dorfheilerin bestreicht die Wunde mit Kräutersalben und Spinnweben. Manche Pflanzenauszüge wirken antiseptisch, andere richten zusätzlichen Schaden an. Eine Blutvergiftung verläuft stumm und tödlich. Ein entzündeter Zahn oder eine eitrige Wunde reichen aus, um dich nach Tagen qualvollen Fiebers dahinraffen zu lassen.
Am Abend kehrst du in das Langhaus zurück. Du teilst dir den einzigen großen Raum mit deiner Familie und im späten Jahr auch mit dem Vieh. Die Körperwärme der Tiere ist in den kalten Nächten eine Überlebensnotwendigkeit.
Das Feuer in der Mitte der Behausung brennt träge. Der meiste Rauch zieht nicht durch das Loch im Dach ab, sondern füllt den Raum. Seit deiner Kindheit atmest du diesen beißenden Holzrauch ein; chronischer Husten und Lungenleiden gehören ab dem Erwachsenenalter zum Alltag.
Kerzen sind teuer, Talgfunzeln spenden nur spärliches, rußiges Licht. Nach Einbruch der Dunkelheit bleiben dir vielleicht zwei Stunden, um im Dämmerschein Werkzeuge zu reparieren. Dann legst du dich auf deine Strohschüttung, eng an deine Angehörigen gedrückt, eingewickelt in grobe Wolle.
Morgen wird der Tag genau gleich beginnen – vorausgesetzt, dein Körper hält stand, das Wasser war rein und der Horizont bleibt frei von fremden Segeln.



