Ich hielt den Brief meiner Mutter in den Händen, ohne zu begreifen, dass er alles verändern würde, obwohl sie seit einer Woche tot war. Sie war „die Frau mit der silbernen Spritze“, die Geliebte…

Ich hielt den Brief meiner Mutter in den Händen, ohne zu begreifen, dass er alles verändern würde, obwohl sie seit einer Woche tot war. Sie war „die Frau mit der silbernen Spritze“, die Geliebte...

„Kiki ist zu stark für dich“, hörte ich meinen Vater einmal sagen, als er glaubte, ich schliefe. Ich war sieben, vielleicht acht Jahre alt. Ich verstand nicht, was er meinte. Stark?

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Meine Mutter war eine zarte Frau, die in der Dämmerung Parfüm auflegte und nachmittags stundenlang am Fenster saß, als warte sie auf ein Schiff, das nie in den Hafen einlaufen würde. Sie war nicht stark. Sie war zerbrechlich wie Porzellan, und genau das war das Problem. Porzellan bricht.

Es splittert in tausend Stücke, und jedes Stück schneidet jemanden, der es aufheben will. Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, die Scherben aufzusammeln, die sie hinterließ, und erst Jahrzehnte später begriff ich, dass sie nie das Opfer war, für das sie sich ausgab. Sie war diejenige, die das Porzellan nahm und es mit Absicht gegen die Wand warf, nur um zuzusehen, wie wir anderen uns die Hände blutig kratzten, während sie lächelte und ein Glas Champagner nach dem anderen leerte. Mein Name ist Margaret, und ich bin die Tochter von Alice Gwyn Preston, der Frau, die die Welt als Kiki Preston kannte.

Vielleicht haben Sie von ihr gehört. Vielleicht nicht. In den zwanziger Jahren war sie der Schatten hinter dem Licht, das Funkeln am Rand jeder Party, die Frau, von der Männer träumten und Frauen tuschelten. Sie wurde die „Frau mit der silbernen Spritze“ genannt, ein Name, der wie ein Fluch an ihr klebte, lange bevor ich geboren wurde.

Aber für mich war sie nie Kiki Preston, die Legende, die Geliebte eines Prinzen, die Jägerin wilder Tiere in Afrika, die Königin der Pariser Salons. Für mich war sie einfach Mama, und Mama war eine Frau, die mich ansah, als wäre ich ein Fremder, der zufällig in ihrem Haus aufgetaucht war. Meine früheste Erinnerung an sie ist eine Erinnerung an Abwesenheit. Nicht an Schreie, nicht an Gewalt, nicht an die dramatischen Szenen, die man in Romanen über solche Frauen liest.

Sondern an die Stille, die sie hinterließ, wenn sie ging. Sie ging oft, und wenn sie ging, roch das ganze Haus nach ihrem Parfüm, einem schweren, orientalischen Duft, der sich in den Vorhängen festsetzte und mich noch Tage später verfolgte. Ich stand dann an ihrem Schminktisch, berührte ihre Perlenketten, ihre goldenen Puderdosen, ihre Handschuhe aus Seide, und ich versuchte zu verstehen, wer diese Frau war, die mein Blut trug und mich trotzdem nicht kannte. Ich war elf, als ich zum ersten Mal den Namen des Prinzen hörte.

Es war in der Schule, in einem Internat in der Schweiz, das meine Mutter für mich ausgesucht hatte, weil es weit genug von ihrem Leben entfernt lag. Ein Mädchen, dessen Vater irgendetwas mit dem britischen Hof zu tun hatte, zeigte mir ein vergilbtes Foto aus einer Illustrierten. Darauf war eine Frau in einem silbernen Kleid, lachend, ein Glas in der Hand, neben einem jungen Mann mit traurigen Augen. „Das ist deine Mutter“, sagte das Mädchen.

„Und das ist Prinz George. Alle sagen, sie haben eine Affäre. “ Ich lachte, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte. „Meine Mutter kennt keinen Prinzen“, sagte ich.

„Meine Mutter hat Angst vor Hunden und weint, wenn es regnet. “ Das Mädchen zuckte mit den Schultern und nahm das Foto zurück. Aber das Bild blieb in meinem Kopf, wie ein Splitter, der sich unter die Haut bohrt, erst unbemerkt, dann schmerzhaft, dann entzündet. Mein Bruder Ethan war das genaue Gegenteil von mir.

Wo ich still war, war er laut. Wo ich mich in Bücher vergrub, stürzte er sich in das Leben. Er war fünf Jahre älter, und er liebte unsere Mutter auf eine Art, die ich nie ganz nachvollziehen konnte. Er sah sie nicht, wie sie war, sondern wie er sie sich wünschte.

Er baute sie in seinem Kopf zu einer Göttin aus, zu einer tragischen Heldin, die von der Welt nicht verstanden wurde. „Du bist nur eifersüchtig“, sagte er zu mir, wenn ich versuchte, ihm von ihren Ausfällen zu erzählen, von den Nächten, in denen sie nicht nach Hause kam, von den Morgen, an denen sie mit zitternden Händen Kaffee trank und mich nicht ansehen konnte. „Eifersüchtig auf ihre Schönheit, auf ihr Leben. Du verstehst sie einfach nicht.

“ Vielleicht hatte er recht. Vielleicht habe ich sie wirklich nie verstanden. Aber ich verstand sehr gut, was es bedeutete, von einer Mutter erzogen zu werden, die dich nur dann wahrnahm, wenn du in den Spiegel trat, den sie vor sich hielt, um sich selbst zu betrachten. Die Wahrheit über meine Kindheit ist unspektakulär, und gerade das macht sie so schwer zu ertragen.

Es gab keine Misshandlung, keine offensichtliche Grausamkeit. Es gab nur die langsame, stetige Erkenntnis, dass ich für meine Mutter ein Accessoire war, eine Dekoration, die man zur Schau stellte, wenn Gäste kamen, und die man in den Schrank sperrte, wenn sie nicht mehr benötigt wurde. Sie nannte mich „Mein kleines Mädchen“ und streichelte mir über das Haar, aber ihre Augen waren woanders, immer woanders. Sie sah durch mich hindurch, als wäre ich aus Glas, und manchmal dachte ich, dass sie eigentlich nie eine Tochter wollte, sondern eine Zuschauerin für das Theaterstück, das ihr eigenes Leben war.

Ich lernte früh, mich unsichtbar zu machen. Ich lernte, leise zu sein, nicht zu stören, keine Fragen zu stellen. Ich lernte, dass die schlimmste Sünde in unserem Haus nicht das Lügen war, sondern das Durchschauen. Meine Mutter konnte alles verzeihen, außer Klarheit.

Der Sommer 1929 war der Wendepunkt, obwohl ich es damals nicht wusste. Wir waren in London, in einem Haus, das meiner Mutter von einem ihrer Freunde geliehen worden war. Ich erinnere mich an den Regen, der gegen die Fenster schlug, an den Geruch von feuchtem Holz und an die Stimmen, die durch die Wände drangen. Meine Mutter hatte Besuch, einen Mann mit einem schmalen Gesicht und einer Stimme, die klang wie Schleifpapier.

Ich lag im Bett, konnte aber nicht schlafen, und so hörte ich zu, wie sie sich stritten. Es ging um einen Prinzen, um Drogen, um einen Skandal, der drohte, die britische Krone zu erschüttern. „Du musst gehen“, sagte der Mann. „Du musst dieses Land sofort verlassen.

Wenn du bleibst, wirst du vernichtet. “ Meine Mutter lachte, dieses helle, klingende Lachen, das ich so gut kannte. „Sie können mich nicht vernichten“, sagte sie. „Ich bin Kiki Preston.

Ich bin unzerstörbar. “ Noch heute, wenn ich an diese Nacht denke, höre ich dieses Lachen, und ich frage mich, ob sie wirklich daran glaubte oder ob sie nur so tat, um den Mann zu überzeugen. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. Kein Abschied, kein Brief, keine Erklärung.

Sie war nach Paris gefahren, wie ich später erfuhr, und dann nach Kenia, in dieses berüchtigte Happy Valley, in dem sich die Reichen und Verrückten Europas wie auf einer Bühne aufführten, als wäre das Leben ein Spiel, das keine Konsequenzen kennt. Ich blieb bei meiner Großmutter, die in einem großen, dunklen Haus in New York wohnte und mich mit einer Mischung aus Strenge und Gleichgültigkeit erzog. Meine Großmutter, Helen, war eine Frau, die nie ein Haar aus der Fasson verlor, eine Matriarchin, die ihre Emotionen so gut kontrollierte, dass sie fast nicht mehr existierten. Sie sprach selten über meine Mutter, und wenn sie es tat, dann mit einer Stimme, die wie Eis klang.

„Deine Mutter hat immer das getan, was sie wollte“, sagte sie einmal, als ich sie fragte, warum Kiki mich nie besuchte. „Sie hat nie verstanden, dass Freiheit auch Verantwortung bedeutet. “ Ich war fünfzehn, und ich hasste meine Großmutter für diese Worte, weil sie die Wahrheit aussprachen, die ich nicht hören wollte. Aber mit der Zeit lernte ich, dass sie recht hatte.

Meine Mutter hatte sich entschieden, und in dieser Entscheidung war kein Platz für mich. Ethan sah sie anders. Er besuchte sie in Kenia, als er achtzehn war, und kam mit leuchtenden Augen zurück, voller Geschichten über Safaris, über Partys unter afrikanischem Himmel, über Löwen, die nachts um das Haus schlichen, und über eine Mutter, die auf einem Elefanten ritt, lachend, mit einer silbernen Spritze im Gürtel. „Du verstehst sie einfach nicht“, sagte er zu mir, zum tausendsten Mal.

„Sie lebt, Maggie. Sie lebt wirklich. Sie betäubt sich nicht, um zu fliehen. Sie betäubt sich, um noch intensiver zu fühlen.

“ Ich sah ihn an, meinen großen Bruder, der die Welt immer durch eine rosarote Brille sah, und ich fragte mich, ob er wirklich so naiv war oder ob er sich bewusst belog. „Sie hat uns verlassen“, sagte ich leise. „Sie hat uns verlassen, Ethan. Das ist die einzige Wahrheit, die zählt.

“ Er schüttelte den Kopf, und in seinen Augen lag etwas, das ich nicht deuten konnte. „Sie hat sich selbst verlassen“, sagte er. „Und sie weiß es. Aber sie kann nicht zurück.

In den folgenden Jahren wurde meine Mutter zu einer Figur in Zeitungen, zu einer Anekdote in den Erzählungen Fremder. Ich las über ihre Affäre mit Prinz George, über ihre Drogenexzesse, über ihre waghalsigen Jagden in Afrika. Ich las, dass sie diejenige war, die den Prinzen an die Nadel gebracht hatte, dass sie ihn in eine Welt aus Kokain und Morphium gezogen hatte, aus der er sich nie ganz befreien konnte. Ich las, dass die königliche Familie sie gezwungen hatte, England zu verlassen, und dass sie trotzdem weitermachte, als wäre nichts geschehen.

Und ich fragte mich, ob die Frau in diesen Artikeln dieselbe war, die mir als Kind Gutenachtgeschichten vorgelesen hatte, dieselbe, die mich einmal im Arm gehalten hatte, als ich von einem Albtraum aufwachte, und die mir flüsterte: „Fürchte dich nicht, mein Schatz. Nichts kann uns etwas anhaben. Wir sind Kiki-Prestons. “ Ich war noch nie eine Kiki Preston gewesen.

Ich war nur ein Mädchen, das versuchte zu überleben. Der Schlag kam 1934. Ich war neunzehn, studierte in New York und versuchte, mein eigenes Leben aufzubauen, weit weg von den Schatten meiner Familie. Meine Mutter und ihr zweiter Ehemann, Jerome, den alle nur Jerry nannten, waren in der Stadt, und ich traf sie zufällig in einem Hotelrestaurant.

Sie sah atemberaubend aus, wie immer, in einem schwarzen Kleid, das ihre Schultern freilegte, mit einer Diamantbrosche am Ausschnitt. Aber ihre Augen, die Augen, die mich einmal als Kind angesehen hatten, waren leer, wie Fenster zu einem dunklen Raum. Sie umarmte mich, aber es war eine Umarmung ohne Wärme, eine Umarmung wie für eine entfernte Bekannte. „Maggie“, sagte sie.

„Wie schön, dich zu sehen. Du siehst gut aus. Wirklich. Du siehst aus wie ich.

“ Dieses „wie ich“ sollte ein Kompliment sein, aber es klang wie ein Urteil, wie eine Feststellung, die mich in eine Kette einschloss, die ich nie gewählt hatte. Ich dankte ihr, trank einen Kaffee mit ihr und Jerry, und als ich ging, wusste ich, dass ich sie nie wiedersehen würde. Ich wusste es, ohne dass mir jemand etwas sagte. Und ich hatte recht.

Jerry starb wenige Wochen später, an einer Lungenentzündung, im Hotel Pierre, in derselben Stadt, in der ich lebte. Er war siebenunddreißig, ein Mann voller Energie, der meine Mutter auf eine Art liebte, die ich nie enträtseln konnte. Meine Mutter war am Boden zerstört, das konnte man in den Zeitungen lesen, aber als ich sie anrief, um mein Beileid auszudrücken, klang ihre Stimme seltsam flach, als hätte sie bereits alle Tränen verbraucht, die sie besaß. „Jerry ist gegangen“, sagte sie.

„Er war so jung. So voller Leben. “ Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, also sagte ich: „Es tut mir leid, Mama. “ Und sie, die sonst immer eine Antwort hatte, schwieg eine lange Zeit.

Dann sagte sie: „Es ist komisch, Maggie. Ich habe so viele Menschen verloren. Aber ich habe nie gelernt, wie man trauert. “ Ich glaube, das war das Ehrlichste, was sie je zu mir gesagt hat.

In den folgenden Jahren verlor sie alles, was ihr geblieben war. Ihr Cousin starb bei einem Autounfall, ihr Bruder wurde nach einem Unfall gelähmt, ihre Freunde in dem berüchtigten Happy-Valley-Kreis wurden ermordet oder nahmen sich das Leben. Joselyn Hay, der Earl of Errol, wurde 1941 erschossen, und der Fall wurde zu einem Skandal, der die britische Gesellschaft erschütterte. Idina Sackville, eine ihrer engsten Freundinnen, erschoss sich in Frankreich.

Nach und nach wurde der Kreis, in dem sie gelebt hatte, immer kleiner, bis nur noch wenige Namen übrig waren. Meine Mutter sah alt aus, wenn ich Fotos von ihr sah, sogar die Fotos in den Klatschspalten, die sie immer mit einem Lächeln zeigten, das zu weit aufgerissen war, um echt zu sein. Sie war keine dreißig Jahre alt, als sie all das begann, und sie war noch keine fünfzig, als es endete. Ethan starb 1944.

Er war Pilot, flog über die Küste der Normandie, Teil der Invasion, die die Welt befreien sollte. Ich erfuhr es durch ein Telegramm, das mir eine der wenigen Frauen schickte, die meiner Mutter treu geblieben waren, eine gewisse Lillian Turner, die ich nie kennengelernt hatte. Das Telegramm war kurz, sachlich, wie ein offizielles Dokument: „Ethan wurde über Frankreich abgeschossen. Wir sind untröstlich.

Deine Mutter bittet um Zeit. “ Ich las diese Worte, und ich fühlte nichts. Keinen Schmerz, keine Wut, keine Trauer. Nur eine große, kühle Leere, als wäre mein Bruder nie geboren worden, als wäre die Erinnerung an sein Lachen, seine Zuneigung, seine unerschütterliche Liebe zu unserer Mutter in einem einzigen Augenblick ausgelöscht worden.

Ich weinte nicht, nicht in diesem Moment. Ich weinte erst Tage später, in einer Nacht, in der ich allein in meiner Wohnung saß, und dann weinte ich so lange, dass ich dachte, ich würde nie wieder aufhören können. Ich rief meine Mutter an, ein paar Wochen nach Ethans Tod. Ich weiß nicht, warum ich es tat.

Vielleicht aus einem letzten Rest von Pflichtgefühl, vielleicht aus der Hoffnung, dass der Verlust uns endlich näherbringen würde. Und sosehr ich es hasse, es zuzugeben, vielleicht auch, weil ich mir immer noch wünschte, dass sie mich endlich als ihre Tochter sehen würde, als das kleine Mädchen, das sie einmal im Arm gehalten hatte. Aber das Gespräch war kurz, fast feindselig. „Du musst nicht kommen“, sagte sie.

„Ich komme sowieso nicht zurecht. Es ist besser, wenn du fernbleibst. “ Ich war sprachlos. „Mama, ich bin deine Tochter.

Deine einzige Tochter. Ethan war mein Bruder. Ich will nur helfen. “ Sie lachte, aber es war kein echtes Lachen, sondern etwas Scharfes, das sich wie ein Messer anhörte.

„Helfen? Du kannst mir nicht helfen, Maggie. Niemand kann mir helfen. Das einzige, was mir jemals geholfen hat, ist das, was die Leute ein Laster nennen.

Und das kann ich dir nicht antun. “ Sie legte auf, und ich blieb mit dem Summen der Leitung zurück, das in meinen Ohren dröhnte wie ein endloser Alarmschrei. Es war das letzte Mal, dass ich mit ihr sprach. Ein Jahr später erhielt ich einen Anruf von Lillian Turner, die mir mitteilte, dass meine Mutter sich am 23.

Dezember, vier Tage vor Weihnachten, aus dem Fenster ihres Zimmers im Stanhope Hotel in Manhattan gestürzt hatte. Sie war einundfünfzig Jahre alt. Sie trug einen Seidenpyjama, und sie war sofort tot. Lillian sagte mir, dass sie meiner Mutter kurz vor ihrem Tod ein Glas Milch gebracht hatte, weil sie dachte, Kiki würde gleich schlafen gehen.

„Sie wirkte ruhig“, sagte Lillian. „Vielleicht ruhiger als je zuvor. Es war, als hätte sie eine Entscheidung getroffen, die sie schon lange hatte treffen wollen. “ Ich hörte zu, und ich fühlte wieder nichts, diese Kälte, die mich schon beim Tod meines Bruders gepackt hatte.

„Danke, dass Sie mich informiert haben“, sagte ich. „Ich werde mich um die Beerdigung kümmern. “ Lillian zögerte. „Es gibt da noch etwas, das Sie wissen sollten“, sagte sie.

„Was denn? “, fragte ich. „Ich habe in ihren Sachen einen Brief gefunden“, sagte Lillian. „Er ist an Sie adressiert.

Soll ich ihn Ihnen schicken? “ Ich sagte ja, und ich wusste nicht, dass dieser Brief alles verändern würde, auch wenn meine Mutter längst tot war. Der Brief kam eine Woche später an, ein einzelner Umschlag mit meinem Namen in ihrer Handschrift, dieser eleganten, schrägen Schrift, die ich aus meiner Kindheit kannte. Ich öffnete ihn mit zitternden Händen, und darin fand ich ein Papier, das nach Parfüm roch, und einen Satz, den ich nie vergessen werde: „Mein liebes Mädchen, ich habe dir nie gesagt, dass ich dich liebe, weil ich nicht wusste, wie man es sagt, ohne zu lügen.

Aber ich war stolz auf dich, jeden Tag, und ich hoffe, du kannst mir eines Tages verzeihen. “ Ich las diese Worte, und ich weinte, endlich, so laut, dass es durch die dünnen Wände meiner Wohnung drang. Aber ich weinte nicht, weil ich sie vermisste. Ich weinte, weil ich sie nie gekannt hatte, weil ich diese Frau, die meine Mutter war, nie verstehen konnte, weil sie mir nie erlaubt hatte, hinter die Maske zu schauen, die sie der Welt zeigte.

Ich weinte um die verlorenen Jahre, um die Umarmungen, die es nie gab, um das kleine Mädchen, das sie an ihrem Schminktisch beobachtete und sich fragte, ob es jemals so leuchten würde wie sie. Bei der Beerdigung waren nur wenige Menschen. Die meisten Freunde aus dem Happy Valley waren tot oder hatten sich zerstreut. Lillian Turner war da, in Schwarz, mit einem Gesicht, das aussah, als hätte sie nie geschlafen.

Meine Großmutter, meine Mutter, war zu gebrechlich, um zu kommen, also stand ich allein neben dem Grab, während ein Pfarrer Worte sprach, die ich kaum hörte. Ich dachte an diese Frau, die in Paris gelacht hatte, in Afrika gejagt, in London einen Prinzen verführt hatte, und die am Ende allein war, nur mit einer Flasche Milch und einem offenen Fenster. Ich dachte an ihren Brief, an ihre letzten Worte, die nach einer Vergebung suchten, die ich nicht geben konnte, weil ich nicht wusste, ob ich sie ihr schuldig war. Und ich beschloss, dass ich ihr Leben nicht als Tragödie erzählen würde, auch nicht als Skandal.

Ich würde es als das erzählen, was es wirklich war: das Leben einer Frau, die so sehr vor sich selbst davonlief, dass sie am Ende nicht mehr wusste, wer sie war und wohin sie ging. Ich bin ihre Tochter, aber ich bin nicht sie. Ich habe ihre silberne Spritze nie berührt, ihre Partys nie besucht, ihr Leben nie geteilt. Aber ich trage ihre Augen, ihre Handschrift, ihren Namen als Teil meiner Geschichte, egal ob ich es will oder nicht.

Und an dem Tag, an dem ich neben ihrem Grab stand, schwor ich mir, dass ich nie vergessen würde, was sie mich gelehrt hatte, auch wenn sie es nie aussprach: Dass ein Leben, das nur aus Freiheit besteht, ohne Liebe, keine Freiheit ist, sondern nur eine lange, einsame Flucht.