Ich rief meine tote Frau immer wieder an – dann ging sie plötzlich ans Telefon.

Ich rief meine tote Frau immer wieder an – dann ging sie plötzlich ans Telefon.

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Die Stimme einer Toten am Telefon – das klingt nach einem Albtraum, nach einer Halluzination eines gebrochenen Mannes. Doch für den 51-jährigen Fernfahrer Hannes Schulz aus Hamburg wurde diese grauenhafte Vorstellung zur erschütternden Realität. Zwei Jahre lang, 247 Mal, wählte er die Nummer seiner Frau Maren, die im März 2022 bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.

Er rief sie an, um ihre Stimme auf der Mailbox zu hören, um die 31 Sekunden langen Nachrichten, die ihn an ein Leben vor der Katastrophe erinnerten. Dann, an einem Mittwoch im März 2024, auf einem Rastplatz an der A14, geschah das Unfassbare: Seine tote Frau ging ans Telefon.

Der Anruf erreichte Hannes Schulz in einer Nacht der tiefsten Einsamkeit. Er hatte Maschinenbauteile nach Leipzig geliefert und fuhr leer zurück nach Hamburg Bergedorf. Nichts und niemand wartete auf ihn.

Wie so oft griff er zum Handy, wählte die vertraute Nummer. Viermal klingelte es, so wie immer. Doch dann, statt der Bandansage, hörte er Atem.

Eine Stimme, die er seit zwei Jahren nur noch aus Erinnerung kannte, flüsterte: „Liebling, wir müssen reden. Ich lebe, ich bin nicht. “ Die Verbindung brach ab.

Schulz saß wie gelähmt im Führerhaus seines Mercedes Actros, zwei Stunden lang, unfähig, sich zu bewegen.

Der Mann, der Motoren und Lieferpapiere versteht, aber keine Geister, stand vor einem Rätsel. Maren Schulz war am 19. März 2022 auf der B404 bei Schwarzenbek gestorben.

Ihr Toyota Yaris war gegen einen Brückenpfeiler geprallt und ausgebrannt. Die Identifikation erfolgte über Zahnunterlagen und ihren Ehering. Die Beerdigung auf dem Bergedorfer Friedhof war real, der Sarg war gesenkt worden.

Seine Tochter Lena hatte seinen Arm gehalten. Und nun behauptete diese Frau, sie lebe. Schulz rief sofort seine Tochter an, die als Pflegefachkraft im UKSH in Lübeck arbeitet.

Ihre Reaktion war nüchtern, aber erschüttert: „Mama ist tot. Ich weiß, was wir begraben haben. Dann benutzt jemand ihre Nummer.

“ Doch Schulz blieb hartnäckig: „Es war deine Mutter. “

Die folgende Woche war eine Achterbahnfahrt zwischen Wahnsinn und kriminalistischer Akribie. Schulz ging zur Polizei, zur Davidwache in Hamburg St. Pauli.

Der Beamte, ein junger Mann namens Krüger, sah ihn zunächst ungläubig an. Doch als Schulz erklärte, dass er den Telekom-Vertrag seiner Frau seit zwei Jahren weiterbezahlte, wurde der Fall an das Landeskriminalamt weitergeleitet. Kriminalhauptkommissarin Anja Möller übernahm die Ermittlungen.

Sie war es, die das dunkle Geheimnis hinter dem Anruf aufdeckte. Die SIM-Karte von Maren Schulz war nicht im Handy auf ihrem Nachttisch, sie war verschwunden. Die Ermittler fanden heraus, dass die Karte seit Juni 2022 in einem anderen Gerät aktiv war.

Die Spur führte nach Magdeburg. In der Gnadauerstraße 31, in einem unscheinbaren Einfamilienhaus, lebte eine Frau unter dem Namen Maria Berger. Ein Foto, das die Polizei vier Tage vor dem Anruf aufgenommen hatte, zeigte sie beim Holen der Post.

Es war Maren Schulz, lebendig, mit kürzerem, dunklerem Haar. An ihrer Seite: Konstantin Reimers, ein 45-jähriger ehemaliger Bestatter aus Schwerin. Das Bild, das sich nun enthüllte, war ein Meisterwerk der Täuschung.

Maren hatte Reimers 2019 in einer Trauergruppe kennengelernt, nach dem Tod ihrer Mutter. Er war hoch verschuldet, mit 280. 000 Euro Spielschulden.

Gemeinsam planten sie ihren Tod.

Der Plan war diabolisch. Maren sollte sterben, um eine Lebensversicherung von 85. 000 Euro zu kassieren.

Reimers, der als Bestatter Zugang zu nicht abgeholten Leichen hatte, stahl den Körper eines obdachlosen Mannes, Dieter Kelm, der an einem Herzinfarkt gestorben war. Er platzierte die Leiche in Marens Auto, manipulierte die Zahnunterlagen und inszenierte den Brand. Die Behörden identifizierten den Toten fälschlicherweise als Maren.

Der echte Ehering wurde sichergestellt, die Asche auf dem Friedhof beigesetzt. Maren tauchte unter, lebte zwei Jahre lang unter falschem Namen in Magdeburg, während ihr Ehemann in Trauer versank.

Doch der Plan hatte einen Riss. Schulz hatte die Versicherungssumme nie angerührt. „Es fühlte sich schmutzig an“, sagte er später.

Und dann, in einer Nacht, als Reimers Nachtschicht hatte, setzte Maren die SIM-Karte ein. Sie hörte die 43 Nachrichten, die ihr Mann hinterlassen hatte, die Stimme eines Mannes, der sie immer noch liebte. Sie rief ihn an, aus einem Impuls heraus, der vielleicht Schuld oder eine letzte Spur von Liebe war.

Die Verbindung brach ab, als Reimers zurückkam und die Karte zerstörte. Aber der Funkmast hatte die Position erfasst.

Die Festnahmen erfolgten am 22. April 2024. Reimers versuchte zu fliehen, kam aber nur bis zur Mülltonne.

Maren saß auf dem Bettrand und sagte nur den Namen ihres Mannes. Vor Gericht gestand sie und sagte gegen Reimers aus. Er erhielt 13 Jahre Haft, sie acht Jahre.

Die Versicherung forderte die 85. 000 Euro zurück. Schulz gab das Geld freiwillig zurück.

„Ich hatte Anspruch auf eine Frau, nicht auf Geld“, sagte er dem Sachbearbeiter. Die Wahrheit war grausamer als die Trauer. Dieter Kelm, der Mann, dessen Leiche für die Täuschung benutzt wurde, erhielt einen Grabstein auf dem Waldfriedhof Schwerin, bezahlt von Schulz.

Heute, im April 2025, fährt Hannes Schulz wieder seine Touren. Hamburg-Leipzig, Hamburg-München, Hamburg-Köln. Diesel, Regen, Rastplätze.

Er hat den Telekomvertrag gekündigt. Marens Handy liegt ausgeschaltet in einer Kiste im Schrank, neben ihrer Lesebrille und dem Ehering, den er nicht mehr trägt. Sonntags kommt Tochter Lena zum Essen.

Sie bringt Kuchen mit, und er kocht nach einem Kochbuch. Bernt, sein alter Kollege, kommt manchmal vorbei, bringt Bier und schweigt. „Ich mochte ihren Kartoffelsalat nie, zu viel Senf“, sagte er einmal.

Schulz lachte zum ersten Mal seit Wochen.

Letzte Nacht fuhr er wieder auf der A14. Der Rastplatz Plötzetal kam in Sicht. Früher hätte er angehalten, den Motor ausgemacht und die Nummer gewählt.

Vier Klingeltöne, 31 Sekunden Stimme, ein armseliges Gebet. Heute fuhr er vorbei. Im Seitenspiegel schrumpften die gelben Lichter.

Vor ihm lag die Straße, dunkel, gerade, lang. Hinter ihm lag Magdeburg, wo Maren zwei Jahre unter falschem Namen lebte und seine Nachrichten aus einer Schuhschachtel hörte. Vor ihm lag Hamburg, ein Reihenhaus mit Apfelbaum, eine Tochter am Sonntag, ein Leben, das leiser ist als früher, aber nicht mehr leer.

Die Frage, warum Maren abnahm, wird er nie beantworten können. Aus Schuld? Aus Liebe?

Oder weil eine Frau, die sich selbst begraben hatte, plötzlich wieder lebendig sein wollte? Er muss es nicht mehr wissen. Er weiß nur, dass er seine tote Frau 247 Mal anrief, 43 Nachrichten hinterließ, und die ganze Zeit hörte sie zu.

Sie schwieg. Dann sagte sie vier Silben. Diese vier Silben rissen eine Tür auf, die mit Feuer, Papier und einem Sarg verschlossen worden war.

Dahinter lag keine Auferstehung, nur Wahrheit. Und Wahrheit ist grausamer als Trauer, aber sie ist auch fester. Man kann darauf stehen.

Also fährt er weiter. Diesel unter ihm, Hände am Lenkrad. Die Linien der Autobahn im Licht.

Irgendwo vor ihm wartet ein Sonntag. Für heute reicht das.