Kapitel 12 | Der Weg nach Osten – Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Kapitel 12 | Der Weg nach Osten - Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Die Ostfront, Sommer 1942. Ein stiller Fluss, ein unsichtbarer Feind und der alltägliche Tod aus dem Hinterhalt. Der deutsche Soldat Martin Adler, dessen Tagebuch nun als Hörbuch vorliegt, schildert in seinem zwölften Kapitel die Hölle des Stellungskrieges, die für Millionen von Männern an der Ostfront zur grausamen Realität wurde. Seine Aufzeichnungen, die er unter Lebensgefahr verfasste, zeichnen ein schonungsloses Bild des Krieges, das weit über die offiziellen Propagandaberichte hinausgeht.

Adler beschreibt den Wechsel vom Bewegungskrieg, vom Vormarsch und Rückzug, hin zu einer völlig neuen Form der Kriegsführung. Als der Frühling in den Frühsommer überging und der Boden fest und trocken wurde, verlegte man seine Einheit an einen neuen Abschnitt der Front, an einen Fluss, dessen Lauf die Grenze zwischen den eigenen und den feindlichen Stellungen bildete. Hier, an diesem Gewässer, gruben sich die Männer ein für eine lange Zeit des Stellungskrieges, einer besonderen Art des Krieges, die Adler bis dahin nicht gekannt hatte.

Diese neue Art des Krieges unterschied sich fundamental von allem, was er zuvor erlebt hatte. Vom Vormarsch, vom Rückzug, von den großen Bewegungen, denn nun standen sie still. Sie gruben sich in die Erde ein, richteten sich ein in einem Geflecht von Gräben, Bunkern und Unterständen. Der Krieg wurde zu einem Lauern, einem Warten, einem zähen, mörderischen Ausharren, Auge in Auge mit einem Feind, der nur einen Steinwurf entfernt lag, jenseits des Flusses, in seinen eigenen Gräben.

Die Männer beobachteten sich gegenseitig, Tag und Nacht. Sie bauten ihre Stellungen aus mit der Sorgfalt von Menschen, die wissen, dass sie lange darin werden hausen müssen. Sie gruben tiefe Gräben, die sie vor dem feindlichen Feuer schützten, legten Unterstände an, in denen sie schlafen und sich wärmen konnten. Sie verstärkten die Brustwehren mit Sandsäcken und Holz. Mit der Zeit entstand ein ganzes unterirdisches Reich, ein Labyrinth von Gängen und Höhlen, in dem sie lebten wie Maulwürfe, fern vom Licht des Tages.

Das Tageslicht war gefährlich, denn wer sich am Tage über die Brustwehr erhob, den fand leicht die Kugel eines feindlichen Scharfschützen. Das Leben in den Schützengräben hatte seinen eigenen sonderbaren Rhythmus, seine eigene Ordnung. Adler gewöhnte sich daran, wie man sich an alles gewöhnt. Es hatte, so seltsam das klingen mag, auch seine ruhigen, beinahe friedlichen Stunden, denn in den langen Tagen des Wartens, wenn das Feuer schwieg, saßen sie in ihren Unterständen.

Sie putzten die Waffen, schrieben Briefe, spielten Karten, erzählten Geschichten. Es entstand eine Art von Häuslichkeit, ein sich Einrichten in der Gefahr, die den Schrecken erträglich machte. Doch unter dieser trügerischen Ruhe lauerte stets der Tod. Der Stellungskrieg war keineswegs friedlich. Er war nur auf eine andere, heimtückischere Weise tödlich als die offene Schlacht. Er tötete nicht in großen, lärmenden Stößen, sondern still und beharrlich.

Die Kugel des Scharfschützen, die plötzlich einschlagende Granate, der nächtliche Spähtrupp, die Mine – jeder Tag forderte seine Opfer, einen hier, einen dort. Es war ein langsames, stetiges Ausbluten, das an den Nerven zehrte. Man wusste nie, wann und wo der Tod zuschlagen würde. Die Wachsamkeit durfte keinen Augenblick erlahmen. Der Fluss selbst, der zwischen ihnen und dem Feinde lag, war ein träges, breites Gewässer, das gemächlich durch eine weite, sumpfige Niederung floss.

In den Sommertagen, wenn die Sonne auf das Wasser brannte und die Mücken in dichten Schwärmen aus dem Sumpf aufstiegen, lag eine drückende Schwüle über dem Tal. Der Krieg schien für Stunden zu schlummern. Adler saß zuweilen am Rande des Grabens, im Schatten einer Brustwehr und blickte hinüber zum feindlichen Ufer, das so nahe lag und doch eine andere Welt war. Er dachte daran, dass dort drüben Männer saßen wie er, junge Burschen, die in die Heimat zurück wollten.

Sie fürchteten sich, sie hofften, und sie mussten einander töten, ohne sich zu kennen, ohne einen Grund zu haben, den sie verstanden. Allein, weil man sie einander gegenübergestellt hatte in diesem sinnlosen Spiel der Mächtigen. Manchmal, in den stillen Stunden, hörte man vom anderen Ufer herüber das Lachen der feindlichen Soldaten, ein Lied, das sie sangen, den Klang eines Akkordeons. Es war ein wunderbares, beklemmendes Gefühl, den Feind so menschlich zu hören.

Ihn singen und lachen zu hören, wie sie selbst. Adler begriff aufs Neue die ganze Widersinnigkeit dieses Krieges, in dem Menschen, die einander nichts getan hatten, die einander unter anderen Umständen vielleicht Freunde gewesen wären, gezwungen wurden, einander nach dem Leben zu trachten. Dieser Gedanke quälte ihn in den langen Stunden des Wartens am Fluss. Er fand keine Antwort darauf, so wenig wie auf all die anderen Fragen, die der Krieg in ihm aufgeworfen hatte.

Die größte und heimtückischste Gefahr des Stellungskrieges am Fluss waren die Scharfschützen, jene unsichtbaren Todesboten, die irgendwo drüben im feindlichen Gelände lagen, verborgen, geduldig. Sie erschossen jeden Mann, der sich unvorsichtig zeigte, der den Kopf einen Augenblick zu lange über die Brustwehr hob, der sich an einer ungeschützten Stelle bewegte. Adler lernte diese Gefahr fürchten wie kaum eine andere, denn sie war so still, so plötzlich, so unentrinnbar.

Ein Mann stand neben dir und sprach mit dir, und im nächsten Augenblick sank er lautlos zusammen, ein kleines, rundes Loch in der Stirn. Du hattest nicht einmal den Schuss gehört, der ihn getötet hatte. Oder du hattest ihn gehört, doch zu spät. Das Grauenhafte an diesem Tod war, dass er aus dem Nichts kam, ohne Warnung, ohne dass man sich wehren konnte. Er traf den, der nur für einen Augenblick unachtsam war. Die Männer lernten sich zu ducken, niemals den Kopf zu zeigen.

Sie nutzten die Wege durch die Gräben, die vor den Blicken des Feindes geschützt waren, und doch fiel immer wieder einer. Die Wachsamkeit konnte nicht ewig währen, und ein Augenblick der Zerstreuung, der Sorglosigkeit genügte, und der Scharfschütze drüben, der nur darauf wartete, schlug zu. Es gab unter den feindlichen Scharfschützen einen, der ihnen in jenen Wochen besonders zu schaffen machte, ein wahrer Meister seines tödlichen Handwerks. Er hatte schon manchen von ihnen erschossen.

Er war so geschickt, so gut getarnt, dass sie trotz aller Mühe seine Stellung nicht ausmachen konnten. Er wurde zu einer Art Gespenst, das über ihrer Stellung schwebte, einer ständigen, unsichtbaren Bedrohung, die sie alle in Atem hielt. Die Männer sprachen von ihm mit einer Mischung aus Hass und einem widerwilligen Respekt, denn er war ein Künstler des Todes, der nur selten ein Ziel verfehlte. Schließlich wurde von ihrer Seite ein eigener Scharfschütze gegen ihn eingesetzt.

Es war ein stiller, in sich gekehrter Mann namens Gruber, der in seiner Heimat ein Jäger gewesen war und der diese Kunst beherrschte wie kein anderer. Es entspann sich zwischen den beiden ein tödliches Duell, ein geduldiges, tagelanges Lauern und Beobachten, ein Ringen zweier Meister, von dem sie alle gebannt verfolgten, soweit sie es konnten. Adler erinnert sich an die Spannung, die über ihrer Stellung lag in jenen Tagen, denn es war, als würde stellvertretend für sie alle dieser Zweikampf ausgetragen.

Als hinge ihr aller Schicksal an seinem Ausgang. Eines Morgens, im fahlen Licht der Dämmerung, fiel der entscheidende Schuss. Gruber hatte gesiegt, hatte den feindlichen Scharfschützen aufgespürt und erlegt. Es ging ein Aufatmen durch ihre Stellung, eine grimmige Erleichterung, denn das Gespenst war gebannt, die unsichtbare Bedrohung beseitigt. Doch Gruber selbst, der Sieger, zeigte keine Freude, keinen Triumph. Er saß stumm und verschlossen in seinem Unterstand und sprach mit niemandem.

Als Adler ihn einmal darauf ansprach, ihn beglückwünschte zu seinem Erfolg, sah Gruber ihn an mit seinen müden, leeren Augen. Er sagte nur, dass es kein Sieg sei, einen Menschen zu töten. Dass der andere auch nur ein Mann gewesen sei, der seine Pflicht getan habe wie er selbst. Und dass er, Gruber, nun dessen Tod auf sich geladen habe und ihn tragen müsse für den Rest seines Lebens. In diesen Worten lag eine tiefe, dunkle Wahrheit über das Töten, die Adler erschütterte.

Er begriff, dass auch der Scharfschütze, der so kalt, so beherrscht, so kunstvoll tötete, darunter litt, vielleicht mehr noch als wir anderen, denn er sah seine Opfer durch das Zielfernrohr, sah ihre Gesichter, sah sie leben, ehe er sie tötete. Das war eine Last, die schwer zu tragen war. Adler war froh, dass er nicht sein Handwerk hatte erlernen müssen, dass er nicht durch das Zielfernrohr in die Gesichter jener blicken musste, die er tötete. Und doch wusste er, dass auch er getötet hatte.

Dass auch er seine Last zu tragen hatte, das Gesicht des jungen Russen in Smolensk, das ihn noch immer verfolgte. Dass es im Kriege keinen gab, der rein blieb, keinen, der nicht eine solche Last auf sich lud. Dass dies vielleicht das Schlimmste war, was der Krieg ihnen antat, dass er sie zu Mördern machte, gleichviel, wie sehr sie sich dagegen sträubten. In den Nächten des Stellungskrieges wurden Patrouillen ausgeschickt, kleine Trupps, die hinüber krochen ins Niemandsland.

Dieser schmale, tödliche Streifen zwischen den Fronten war der Ort, um den Feind zu erkunden, Gefangene zu machen, seine Stellungen auszuspähen. Diese nächtlichen Unternehmungen gehörten zum Furchtbarsten, was der Stellungskrieg von ihnen verlangte. Man kroch hinaus in die Finsternis, in das ungewisse Gelände zwischen den Linien, wo der Tod hinter jedem Busch, in jedem Granattrichter lauern konnte. Man wusste nie, ob man zurückkehren würde. Es traf Adler eines Nachts, dass er zu einer solchen Patrouille befohlen wurde.

Gemeinsam mit Feldwebel Weiß, der sie führte, mit Otto und mit dreien anderen. Auch der junge Fritz war dabei, denn es war seine erste Patrouille, seine Feuertaufe gewissermaßen. Adler erinnert sich, mit welcher Furcht um ihn er diesem Auftrag entgegensah, denn das Niemandsland war kein Ort für einen unerfahrenen Jungen. Er nahm sich vor, dicht bei ihm zu bleiben, über ihn zu wachen, soweit es in seiner Macht stand. Sie schwärzten sich die Gesichter, ließen alles zurück, was klirren oder klappern konnte.

In der tiefsten Stunde der Nacht, als der Mond hinter Wolken verborgen war und Finsternis über dem Tal lag, krochen sie über die Brustwehr hinaus ins Niemandsland, lautlos, dicht über dem Boden, einer hinter dem anderen. Das Herz schlug Adler bis zum Halse, denn jedes Geräusch, jeder Lichtschein konnte sie verraten und den Tod über sie bringen. Das Kriechen durch das Niemandsland in jener Nacht war eine Erfahrung, die sich ihm tief eingeprägt hat. Die Spannung, die Angst, die äußerste Wachsamkeit.

Jeder Sinn war bis zum Zerreißen gespannt, schuf einen Zustand des Bewusstseins, wie Adler ihn sonst nie erlebt hatte. Eine schreckliche Klarheit, in der er jedes Geräusch hörte, das Rascheln des Grases, das ferne Plätschern des Flusses, den eigenen Atem, das Pochen des eigenen Herzens. Er suchte die Dunkelheit zu durchdringen mit den Augen, jeden Schatten als möglichen Feind deutend. Sie krochen weiter und weiter dem feindlichen Ufer entgegen. Mehrmals erstarrten sie und pressten sich in den Boden.

Wenn eine Leuchtkugel aufstieg vom feindlichen Graben und ihr fahles, zuckendes Licht über das Niemandsland warf, lagen sie reglos, kaum atmend, bis die Leuchtkugel verglüht war und die Dunkelheit zurückkehrte. Fritz kroch dicht hinter Adler und er spürte seine Furcht, hörte seinen raschen, flachen Atem. Einmal, als eine Leuchtkugel sie überraschte und sie sich zu Boden warfen, griff Fritzs Hand nach Adlers Arm und klammerte sich daran. Adler legte seine Hand auf die seine und drückte sie, um ihm Mut zu machen.

So lagen sie Seite an Seite in der Finsternis. Adler fühlte sich verantwortlich für diesen Jungen, wie für einen jüngeren Bruder. Sie erreichten in jener Nacht die feindlichen Stellungen oder kamen ihnen doch so nahe, dass sie die Posten reden hören konnten, ihre fremden Worte, ihr leises Lachen. Feldwebel Weiß, der die Patrouille mit kühler Umsicht führte, gab ihnen durch Zeichen zu verstehen, dass sie genug erkundet hätten, dass sie umkehren sollten. Es war nicht ihr Auftrag, ein Gefecht zu beginnen.

Sie begannen den Rückweg, der nicht minder gefährlich war als der Hinweg. Vielleicht gefährlicher noch, denn die Anspannung ließ nach, die Erleichterung, davon gekommen zu sein, machte unvorsichtig. Gerade auf dem Rückweg geschah das Unglück. Einer von ihnen, nicht Fritz, Gott sei Dank, sondern ein anderer, streifte im Dunkeln einen Draht, einen Stolperdraht, der mit einer Leuchtmine verbunden war. Mit einem Zischen stieg die Mine auf und tauchte das Niemandsland in grelles Licht.

Im selben Augenblick brach das feindliche Feuer los, Maschinengewehre hämmerten, Kugeln pfiffen über sie. Sie warfen sich in die Granattrichter und krochen verzweifelt weiter dem rettenden eigenen Graben entgegen. Es war ein wildes, panisches Kriechen durch das Feuer. Adler verlor Fritz aus den Augen in dem Chaos und rief nach ihm halblaut und hörte keine Antwort. Eine furchtbare Angst ergriff ihn. Doch dann, endlich, erreichten sie die Brustwehr und wälzten sich hinüber in den Graben.

Einer nach dem anderen. Adler zählte die Gesichter und Fritz war da, atemlos, zitternd, weiß im Gesicht, doch lebend, unverletzt. Adler umarmte ihn vor Erleichterung. Sie hatten alle überlebt, durch ein Wunder. Adler dankte Gott für diese eine Nacht, in der er sie verschont hatte. Das Glück, das sie in jener Patrouillennacht beschützt hatte, sollte Adler nicht lange begleiten. Wenige Tage später traf es ihn selbst, und zwar auf jene plötzliche, gleichgültige Weise, mit der der Tod und die Verwundung im Stellungskrieg über einen kamen.

Ohne Vorwarnung, ohne Sinn. Es war ein gewöhnlicher Morgen. Adler bewegte sich durch den Graben, gebückt, wie sie es gelernt hatten, auf dem Weg zu seinem Wachposten. Er dachte an nichts Böses, dachte vielleicht an die Heimat, an einen Brief, den er am Abend zuvor erhalten hatte. Plötzlich, ohne dass er das Heranpfeifen gehört hätte, schlug eine Granate in der Nähe ein. Eine einzelne Granate aus dem feindlichen Störfeuer, das sie Tag und Nacht belästigte.

Adler fühlte einen gewaltigen Schlag gegen seine linke Seite, einen Schlag, der ihn von den Füßen riss und gegen die Grabenwand schleuderte. Dann einen brennenden, reißenden Schmerz, der ihm den Atem nahm. Er sank zu Boden und begriff zunächst nicht, was geschehen war, bis er das Blut sah, sein eigenes Blut, das aus seiner Seite quoll und sich auf dem Boden des Grabens ausbreitete. Mit dem Anblick des Blutes kam die Erkenntnis und mit der Erkenntnis eine seltsame, ferne Furcht.

Der Schmerz war so groß, dass er das Denken überflutete. Adler erinnert sich nur bruchstückhaft an das, was dann geschah, denn der Schmerz und der Blutverlust trübten sein Bewusstsein. Doch er weiß, dass Otto sogleich bei ihm war, dass er seinen Namen rief, dass sein Gesicht sich über ihn beugte, weiß vor Schrecken. Otto schrie nach dem Sanitäter. Dann war Josef Lindner da, der ruhige, geschickte Lindner. Seine Hände tasteten über Adlers Wunde.

Adler hörte ihn sagen, dass ein Splitter ihn in die Seite getroffen habe, dass die Wunde tief sei, aber dass kein lebenswichtiges Organ getroffen scheine. Lindners ruhige, sachliche Stimme beruhigte Adler ein wenig, gab ihm etwas Halt in dem Strudel des Schmerzes und der Furcht. Lindner verband ihn, stillte das Blut, so gut er konnte, und sprach ihm zu, dass er durchkommen werde, dass er Glück gehabt habe. Diese Wunde würde ihn für eine Weile von der Front entfernen, vielleicht gar in ein Lazarett in der Heimat.

Otto hielt Adlers Hand, während Lindner ihn verband. Sein Gesicht war voll Sorge, und er sagte ihm immer wieder, dass alles gut werde, dass er es überstehen würde. Adler sah in Ottos Augen die Furcht um ihn und zugleich die Erleichterung, dass er lebte. Er versuchte zu lächeln, um ihn zu beruhigen, doch der Schmerz verzerrte sein Gesicht zu einer Grimasse. Man trug ihn zurück, fort von der Front zum Verbandplatz und von dort weiter zum Hauptverbandplatz.

Adler erlebte den Abtransport wie durch einen Schleier, im Halbbewusstsein, gepeinigt von dem Schmerz bei jeder Erschütterung. Er erinnert sich an den Augenblick des Abschieds von Otto, der ihn bis zum Verbandplatz begleitet hatte und der nicht weiter mit konnte, denn er musste zurück zur Stellung. Otto beugte sich über ihn und drückte ihm die Hand und sagte, er solle gut auf sich aufpassen und bald wiederkommen. In seiner Stimme lag eine Rührung, die er zu verbergen suchte.

Adler sah, dass ihm der Abschied schwer fiel, denn sie waren noch nie getrennt gewesen seit dem ersten Tag dieses Krieges nicht. Nun wurden sie auseinandergerissen und keiner von ihnen wusste, ob und wann sie sich wiedersehen würden. Adler klammerte sich an Ottos Hand und wollte ihn nicht lassen, denn die Furcht überkam ihn, ihn zu verlieren, ihn allein zurückzulassen an der Front, ohne dass er über ihn wachen konnte. Auch Otto, das sah Adler, fürchtete sich vor der Trennung.

Doch der Krieg fragte nicht nach ihren Gefühlen. Otto musste gehen. Adler sah ihm nach, wie er zurückging zur Stellung, eine einsame Gestalt, die in der Ferne verschwand. Er wusste nicht, ob er ihn je wiedersehen würde. Diese Ungewissheit war schlimmer als der Schmerz seiner Wunde, denn die Wunde des Leibes heilt, doch die Wunde der Trennung von dem Menschen, der ihm der Nächste war auf dieser Welt, die schmerzte tiefer und wollte nicht heilen.

Anfang Juli 1942 schreibt Adler im Lazarett. Er schreibt diese Zeilen mit Mühe, halb liegend, die Hand zittert. Es ist Tage her, dass er getroffen wurde. Er weiß nicht genau, wie viele. Das Fieber hat ihm die Zeit durcheinander gebracht. Ein Granatsplitter in die linke Seite. Lindner sagt, er habe Glück gehabt, kein lebenswichtiges Organ getroffen. Glück. Ein sonderbares Wort für eine solche Wunde, aber Adler versteht, was Lindner meint. Andere haben weniger Glück.

Es kam aus dem Nichts. Kein Pfeifen gehört, nur den Schlag, dann das Blut. So plötzlich kann es gehen. Ein Augenblick und alles ist anders. Adler hat an die Heimat gedacht, an einen Brief, und im nächsten Moment lag er im eigenen Blut. Das Schwerste war der Abschied von Otto. Seit dem ersten Kriegstag waren sie nie getrennt. Nun haben sie ihn fortgebracht und Otto musste zurück zur Stellung. Er hat seine Hand gehalten und gesagt, er solle bald wiederkommen.

Adler war, als risse man ihm einen Teil von sich selbst heraus. Er sorgt sich um Otto, mehr als um seine Wunde. Wer wacht jetzt über ihn? Wer über Fritz? Die Wunde heilt, sagen sie. Vielleicht kommt er sogar in die Heimat, nach Hause. Der Gedanke macht ihn zugleich froh und unruhig. Froh, weil er Mutter und Vater wiedersieht. Unruhig, weil er Otto und die anderen zurücklässt. Es ist seltsam. Man sehnt sich nach Hause und wenn die Möglichkeit kommt, fühlt man sich wie ein Verräter an den Kameraden.

Gott schütze Otto. Gott schütze Fritz. Lass sie leben, bis ich zurück bin. Martin. Die Aufzeichnungen von Martin Adler, die in diesem zwölften Kapitel seines Tagebuchs gipfeln, sind ein erschütterndes Dokument des Zweiten Weltkriegs. Sie zeigen die Brutalität des Stellungskrieges an der Ostfront, die ständige Todesangst, die Kameradschaft und die tiefe Verzweiflung eines jungen Mannes, der in einem sinnlosen Krieg um sein Überleben kämpft. Seine Worte sind ein Mahnmal gegen das Vergessen.